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Mythos
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Ein Mythos (seltener der Mythus, veraltend die Mythe, Plural Mythen, von altgriechisch ÎŒáżŠÎžÎżÏ, âLaut, Wort, Rede, ErzĂ€hlung, sagenhafte Geschichte, MĂ€râ, lateinisch mythus) ist in seiner ursprĂŒnglichen Bedeutung eine ErzĂ€hlung, die natĂŒrliche oder soziale PhĂ€nomene erklĂ€ren oder veranschaulichen soll. Im religiösen Mythos wird das Dasein der Menschen mit der Welt der Götter, Geister und ĂŒbernatĂŒrlichen KrĂ€ften verknĂŒpft.cite-ref-1[1]
Mythen erheben einen Anspruch auf Geltung der von ihnen behaupteten Wahrheit. Kritik an diesem AutoritĂ€ts- und Wahrheitsanspruch gibt es seit der griechischen AufklĂ€rung bei den Vorsokratikern (z. B. Xenophanes um 500 v. Chr.). FĂŒr die Sophisten steht der Mythos im Gegensatz zum Logos, welcher durch verstandesgemĂ€Ăe Beweise versucht, die Wahrheit seiner Behauptungen zu begrĂŒnden.cite-ref-2[2]
In einem weiteren Sinn bezeichnet Mythos auch Personen, Dinge oder Ereignisse von hoher symbolischer Bedeutungcite-ref-3[3] oder auch einfach nur eine falsche Vorstellung oder LĂŒge.cite-ref-4[4] So wird etwa das Adjektiv âmythischâ in der Umgangssprache hĂ€ufig als Synonymbegriff fĂŒr âmĂ€rchenhaft-vage, fabulös oder legendĂ€râ verwendet.cite-ref-5[5]
Eine bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gebrĂ€uchliche, heute seltene Verdeutschung ist âdie Mytheâ als Singular.
Das Ensemble aller Mythen eines Volkes, einer Kultur, einer Religion wird als Mythologie (von griechisch ÎŒÏ
Ξολογία âSagendichtungâ) bezeichnet.cite-ref-6[6] So spricht man z. B. von der Mythologie der Griechen, der Römer, der Germanen.
Contents
âą Antike
âą Mittelalter
âą 20. Jahrhundert
âą Zitate
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Begriffliche Abgrenzung und Merkmale
Im 19. und 20. Jahrhundert finden sich stark voneinander abweichende Definitionen. Die Ansicht, dass es âdenâ Mythos als kulturĂŒbergreifende sinnstiftende ErzĂ€hlweise gebe, hatte in der Zeit des Neuhumanismus zahlreiche AnhĂ€nger. Die Psychoanalyse oder die anthropologische Schule von Claude LĂ©vi-Strauss fĂŒhrten diese Auffassung ins 20. Jahrhundert fort. Hans Ulrich Gumbrecht hat vor einigen Jahren versucht, das anscheinend Gemeinsame der Mythen auf eine moderne Art der Beobachtung zurĂŒckzufĂŒhren, die Bedeutung wahrnehmen will und eine auf PrĂ€senz gerichtete Wahrnehmung im Unterschied dazu fĂŒr mythisch hĂ€lt.cite-ref-7[7]
Anders als verwandte ErzĂ€hlformen wie Sage, Legende, Fabel oder MĂ€rchen gilt ein Mythos (sofern dieser Begriff nicht in seiner Bedeutung als ideologische Falle oder LĂŒgengeschichte verwendet wird) als eine ErzĂ€hlung, die IdentitĂ€t, ĂŒbergreifende ErklĂ€rungen, Lebenssinn und religiöse Orientierung als eine weitgehend kohĂ€rente Art der Welterfahrung vermittelt.cite-ref-degruyter-com-8-0[8]
In manchen Mythen deuten die Menschen sich selbst, ihre Gemeinschaft oder das Weltgeschehen in Analogie zu Natur oder kosmischen KrĂ€ften. RegelmĂ€Ăige AblĂ€ufe in der Natur und der sozialen Umgebung werden auf göttliche Ursprungsgeschichten zurĂŒckgefĂŒhrt. So merkt AndrĂ© Jolles an, dass alles, was Bestand hat oder haben soll, in seinem Ursprung heiliggesprochen werden muss.cite-ref-9[9] Das ZeitverstĂ€ndnis des Mythos ist nicht auf Differenz und Entwicklung, sondern auf Einheit und zyklische Wiederholung ausgerichtet. Jenseits der geschichtlichen Zeit sind Mythen in einem von numinosen KrĂ€ften oder Personifikationen beherrschten Raum angesiedelt.
In inhaltlicher Hinsicht werden Mythen manchmal eingeteilt in kosmogonische oder kosmologische Mythen, die die Entstehung und Gestalt der Welt thematisieren, und anthropogene Mythen ĂŒber die Erschaffung oder Entstehung des Menschen. Ebenso wird oft versucht, eine Unterscheidung zwischen einerseits Ursprungs- und BegrĂŒndungsmythen zur ErklĂ€rung bestimmter Riten, GebrĂ€uche oder Institutionen und andererseits GrĂŒndungsmythen ĂŒber den Ursprung bestimmter Orte oder StĂ€dte, historischen Mythen ĂŒber die FrĂŒhzeit eines Stammes oder Volkes sowie eschatologischen Mythen, die sich auf das Ende der Welt beziehen, zu treffen. Solche Abgrenzungen sind bei komplexen Mythensystemen nur schwer möglich. Zu vielen Mythen gibt es Gegenmythen, die den Untergang des Bestehenden oder den Kampf antagonistischer KrĂ€fte versinnbildlichen. Doch denkt der Mythos oft auch GegensĂ€tze als Einheit.
Die stoffwissenschaftliche Mythosforschung versteht den (antiken) Mythos als einen âinsgesamt polymorphe[n] und je nach Variante polystrate[n] ErzĂ€hlstoff mit implizitem Anspruch auf Relevanz fĂŒr die Deutung und BewĂ€ltigung menschlicher Existenz, in dem sich transzendierende Auseinandersetzungen mit ErfahrungsgegenstĂ€nden solchermaĂen verdichten, daĂ aktive Eingriffe numinoser MĂ€chte eine fĂŒr die Gesamthandlung wesentliche Rolle spielen.âcite-ref-10[10]
Nach einer hĂ€ufig vorgebrachten Idealvorstellung entstanden âursprĂŒngliche Mythenâcite-ref-11[11] in schriftlosen Kulturen und wurden durch einen ausgewĂ€hlten Personenkreis wie Priester, SĂ€nger oder Ălteste mĂŒndlich weitergegeben. Die Verschriftlichung und anschlieĂende Sammlung und Ordnung in Genealogien oder kanonischen HandbĂŒchern wird verschiedentlich als Anzeichen fĂŒr ein Nachlassen der traditionellen Wirkungsmacht der Mythen gesehen.
In schriftlosen Religionen spielten mĂŒndlich ĂŒberlieferte ErzĂ€hlungen eine vergleichbar wichtige Rolle wie die Heiligen Schriften in den Weltreligionen.cite-ref-12[12] Sie dienen zum Teil heute noch der Weitergabe und Erhaltung des Glaubens und der damit verbundenen Wertvorstellungen.cite-ref-13[13] Ob sich solche ErzĂ€hlungen mit dem europĂ€ischen Begriff Mythos in Ăbereinstimmung bringen lassen, ist umstritten. Der Ethnologe und Erforscher der Mythen der nord- und sĂŒdamerikanischen indigenen Völker Franz Boas plĂ€dierte bereits 1914 dafĂŒr, neben dem Begriff des Mythos die Gattungsbegriffe der ErzĂ€hler zu verwenden.cite-ref-14[14] Er sah in den Mythen einerseits einen Kulturspiegel der materiellen und geistigen Kultur der von ihm erforschten Völker, andererseits Geschichten (folk tales), die sich ĂŒber weite KulturrĂ€ume hinweg in oft vereinfachter Form verbreiten. UnabhĂ€ngig von den Abgrenzungsversuchen der Begriffe Mythos und ErzĂ€hlung mischen sich nach Boas die Elemente beider in kaum trennbarer Weise: Der Mythos betone das ethnisch-partikulare Element, insofern sei er Element einer ethnographischen Autobiographie; die Geschichte könne aber auch wandern.cite-ref-15[15] Diese Position vertritt auch Elke Mader, die sowohl alte indianische als auch moderne Mythen untersucht.cite-ref-16[16] Hartmut Zinser sieht hingegen zwischen den ethnologischen âTheorien des Mythosâ kaum Gemeinsamkeiten.cite-ref-17[17] Heute ist es in der wissenschaftlichen Literatur ĂŒblich, eine PrĂ€zisierung des Gemeinten voranzustellen, wenn das Wort Mythos verwendet wird.
Begriffsgeschichte
Antike
Die Vorstellung von AutoritĂ€t, höherer Wahrheit und allgemeiner Relevanz war schon in der Antike nicht mehr mit dem Begriff Mythos verbunden. Die schriftliche Sammlung und Fixierung von Mythen bei Hesiod und Homer fĂ€llt bereits in ein SpĂ€tstadium, in dem die Mythen ihre ursprĂŒngliche Funktion verloren hatten und in Ă€sthetisch-poetisch distanzierter Form ĂŒberliefert wurden. Die Vermenschlichung der Götter war in Hesiods Theogonie (um 700 v. Chr.) bereits so weit fortgeschritten, dass der FrĂŒhaufklĂ€rer Xenophanes und auch Hekataios von Milet Mythen, in denen die Götter lĂŒgen, stehlen und betrĂŒgen, fĂŒr moralisch verwerfliche oder lĂ€cherliche Erfindungen hielten. Epikur lehnt Göttermythen radikal ab. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. gab es Versuche der Rechtfertigung insbesondere der homerischen Mythen. Theagenes von Rhegion, der als BegrĂŒnder der allegorischen Homerinterpretation gilt, und die Stoa betrachten die Göttermythen als Naturallegorien. So erschien ihr Zeus als eine Allegorie des Himmels.
Rationalistische Mythenkritik
Daneben entwickelten sich auch rationalistische Interpretationen des Mythos. Euhemeros fĂŒhrte die Göttermythen darauf zurĂŒck, dass Könige als WohltĂ€ter der Menschheit fĂŒr ihre Verdienste vergöttlicht worden seien, wie dies im hellenistischen und spĂ€ter im römischencite-ref-18[18] Herrscherkult geschah. Auch Palaiphatos fĂŒhrte die griechischen Mythen auf historische Ereignisse und VerhĂ€ltnisse zurĂŒck und verfiel dabei in rationalistische Spekulationen. So sei Europa, die Geliebte des Zeus, nicht von einem Stier entfĂŒhrt worden, sondern von einem Mann namens ΀αῊÏÎżÏ (Stier).
FĂŒr Poseidonios hingegen, den von den keltischen Druiden faszinierten BegrĂŒnder einer historischen Mytheninterpretation, bewahren die Mythen das Wissen einer goldenen Vorzeit. Die barbarischen Gesellschaften erschienen den Griechen in dieser Zeit des politischen und gesellschaftlichen Niedergangs als Widerspiegelung ihrer eigenen Vergangenheit.cite-ref-19[19]cite-ref-20[20]
Mythos als literarische Gattung
FĂŒr Platon kann mythos Wahres und Falsches enthalten; Dichter werden dazu aufgefordert, möglichst wahre mythoi zu dichten. Die literarische Gattung des so genannten platonischen Mythos hingegen kann ganz Unterschiedliches umfassen: ein Gleichnis, eine Metapher oder ein Gedankenexperiment. Platon schuf in seinem Dialog Timaios einen Mythos von der Entstehung der Welt (Kosmogonie), von dem wesentliche Aspekte durch den Neuplatonismus bis hin zu Georg Friedrich Creuzer rezipiert wurden.
Aristoteles billigt einem Mythos nur die Möglichkeit einer AnnĂ€herung an die Wahrheit zu. Er verstand unter Mythos die Nachahmung von Handlung, also von etwas Bewegtem, im Unterschied zu den statischen Charakteren, die seiner Auffassung nach noch keine Dichtung ausmachen. Mythos wĂ€re also, vom Gehen eines Menschen zu sprechen, statt bloĂ seinen Gang zu charakterisieren. Aristoteles sah seinen Text als eine Art Gebrauchsanleitung fĂŒr Dichter. Mythos war fĂŒr ihn ein Merkmal einer gelungenen Tragödie. Ebenfalls bei Aristoteles findet die Verengung des Begriffs Mythos auf die bis heute gebrĂ€uchliche Bedeutung statt, nĂ€mlich auf den typischen griechischen Götter- und Heldenmythos.
Im Hellenismus und der römischen Antike wurde der Mythos immer mehr als moralisch-pĂ€dagogisches Instrument propagiert und genutzt, so von âMoralpredigernâ wie Dion Chrysostomos.cite-ref-21[21]
Olympiodoros der JĂŒngere (â um 565) unterschied zwischen poetischen und philosophischen Mythen. FĂŒr ihn waren die poetischen Mythen Homers und Hesiods absurd, moralisch anstöĂig und ethisch unannehmbar, obwohl er das Christentum ablehnte. Daher suchte er nach der verborgenen allegorischen Wahrheit in der Tiefe der Mythen.cite-ref-22[22]cite-ref-23[23]
Mittelalter
Das Christentum betrachtete den Mythos ĂŒberwiegend als konkurrierende heidnische Theologie; doch aufgrund einer gewissen Toleranz ĂŒberlebte er als Bildungsgut einiger Geistlicher und Dichter, so bei Dante, bei dem sich Begeisterung und Abwehr mischen, bei Konrad von WĂŒrzburg (Trojanerkrieg, vor 1287)cite-ref-24[24] und in den Carmina Burana. Allerdings stand die christliche Religion vor der Aufgabe, die griechisch-römische Mythologie und insbesondere ihre Götterwelt durch DĂ€monisierung, Euphemerisierung oder allegorisierende Moralisierung âunschĂ€dlichâ zu machen. Damit erfĂŒllten die Mythen Ă€hnliche pĂ€dagogische Funktionen wie die christlichen Legenden; der Mythosbegriff wurde nicht mehr benutzt. Die höfische mittelalterliche Welt bediente sich jedoch der antiken âRomaneâ zur dynastischen Legitimation und IdentitĂ€tsbildung. Ein Beispiel fĂŒr diese sog. Origo gentis stellt der Eneasroman des Heinrich von Veldeke dar.cite-ref-25[25]
Snorri Sturluson betrachtete die altnordischen Götterlieder im Licht eines spĂ€theidnisch-christlichen Synkretismus, lieferte aber eine rationalistisch-euhemeristische ErklĂ€rung der Vergöttlichung von Freyr und Njörd als angebliche frĂŒhere schwedische Könige. Deren Verehrung beruhte offenbar darauf, dass sie ihrem Volk Wohlstand, reiche Ernten und groĂe ViehbestĂ€nde verschafften, wobei die Gestalten des wohltĂ€tigen Königs und des Fruchtbarkeitsgottes verschmolzen.cite-ref-26[26]
Renaissance und AufklÀrung
In der Zeit des Renaissance-Humanismus wurde die klassische Mythologie verstĂ€rkt rezipiert, ohne dass sie im religiösen Sinne noch ernst genommen wurde. Im Barock wurden sie schlieĂlich zum rein allegorischen Beiwerk allgemein menschlicher Empfindungen. Giambattista Vico war der erste Autor, der sie als ernstzunehmende kulturelle Konstrukte begriff. FĂŒr ihn ist der vom Menschen geschaffene Mythos integraler Bestandteil der Kultur. Er sei die âwahre und strenge Geschichte der Sitten bei den Ă€ltesten Völkern Griechenlandsâ.cite-ref-27[27]
Die enge Verbindung von Mythos und unabwendbarem Schicksal, die die französische Klassik im 17. Jahrhundert charakterisiert, fĂŒhrte zu einer Emanzipation der antiken Mythen gegenĂŒber den biblischen ErzĂ€hlungen und zu ihrer teilweisen Rehabilitierung. Das klassische Drama kleidete moderne politische Themen ins Gewand antiker Mythen. Die moderne Dramentheorie geht auf die Theorie der antiken Tragödie und ihre christliche Rezeption zurĂŒck: Das tragische Schicksal eines Helden wie Ădipus ist vorbestimmt und unausweichlich. Die christlichen Vorstellungen der PrĂ€destination gehen dagegen von den fortbestehenden Möglichkeiten der Reue und verzeihenden Gnade aus, also von einer grundsĂ€tzlichen Freiwilligkeit, bei der Gut und Böse freilich genau definiert sind. In der Betonung der Unausweichlichkeit mythischer Vorgaben, auch in modernen Varianten eines wissenschaftlichen Determinismus, wie er etwa in den Begriffen Archetypus, Ădipuskonflikt, Elektra-Komplex oder Schicksalsanalyse zum Ausdruck kommt, Ă€uĂert sich eine zur Tradition gewordene Auflehnung gegen christliche Moralvorstellungen. So entwickelten sich die antiken Mythen auch zur Konkurrenz der biblischen ErzĂ€hlungen und gewannen dadurch eine neue Bedeutung.
Auch zur ethisch-moralischen Erziehung wurden die antiken Stoffe in der Phase der FrĂŒhaufklĂ€rung verstĂ€rkt genutzt. Johann Christoph Gottsched ĂŒbersetzte Mythos mit âFabelâ (Versuch einer critischen Dichtkunst vor die Deutschen, 1730). Mythos konnte in dieser Bedeutung sowohl das GrundgerĂŒst einer erzĂ€hlten Handlung sein als auch die Sittenlehre bezeichnen, die einer ErzĂ€hlung zugrunde liegt. Die Vorstellung vom Mythos als Sittenlehre hat in der Folge die Ă€ltere erzĂ€hltechnische Bedeutung verdrĂ€ngt. Der Machtverlust der Kirchen in jener Zeit forderte in vielen Augen einen Ersatz fĂŒr biblische Stoffe, die ihrer AutoritĂ€t beraubt waren. Traditionell ĂŒbernahmen die antiken Epen und Dramen diese Aufgabe. Die Welt der antiken Mythen schuf einen Freiraum gegenĂŒber konservativen religiösen Vorstellungen (so noch in der Weimarer Klassik).
Die europĂ€ische AufklĂ€rung propagierte jedoch die kulturelle Ăberlegenheit der Moderne gegenĂŒber der Antike. Sie verstand den Mythos als kindliche Vorstufe zum begrifflichen Denken und hielt ihn durch dieses fĂŒr ĂŒberwunden. Charles de Brosses wies die Möglichkeit der allegorischen Deutung des Mythos zurĂŒck und sah in ihm ein Produkt der Unwissenheit; er erkannte im Fetischismus des Mythos die angebliche Ursprungsform der heidnischen Religionen. FĂŒr Giambattista Vico war er nur noch Ausdruck geringer Denkkraft und allzu groĂer Phantasie.cite-ref-28[28] Mit der Herausbildung eines historischen Bewusstseins wurde das mythische Denken als ĂŒberwundene vor-rationale Form der Weltaneignung angesehen, von dem sich das rationale wissenschaftliche Denken absetzt. Die AufklĂ€rung lehnte die Mythen daher nicht nur als Erfindungen ab, sondern fragte nach ihrer gesellschaftlichen Funktion, wĂ€hrend sie ihre Inhalte vernachlĂ€ssigte.cite-ref-29[29]
Romantik und 19. Jahrhundert
In der Romantik wurde der Mythos wieder nicht als Gegenwelt zum Religiösen, sondern als seine Erneuerung verstanden. Jean Paul betrachtet die mit der Abwertung der Körperwelt verbundene Abwendung von der âErden-Gegenwartâ hin zur âHimmels-Zukunftâ als den eigentlichen Mythos seiner Zeit und die Quelle aller romantischen Dichtung: Auf der âBrandstĂ€tte der Endlichkeitâ erwachsen Engel, Teufel und Heilige und die Sehnsucht nach der Unendlichkeit oder die unendliche Seligkeit. Der sinnlich-heitere griechische Mythos verwandle sich in eine âDĂ€monologieâ der Körperlichkeit.cite-ref-30[30]
FĂŒr die meisten Romantiker waren Mythen jedoch verhĂŒllte Weisheiten, die aus einer bildlich denkenden Urzeit stammten. Diese Poetisierung des Mythos mĂŒndete zwischen 1800 und 1840 in die Frage nach dem Ursprung der Mythologien der Welt, die die romantischen Dichter umtrieb. Sie griffen neben den griechischen Mythen zunehmend auf mittelalterliche ânordischeâ, spĂ€ter auch auf die indische Mythologie zurĂŒck, die von Friedrich Schlegel als Ausdruck einer von Priestern esoterisch behĂŒteten Urreligion betrachtet wurde, welche AuĂenstehenden nur symbolisch-mythisch mitgeteilt und sich in den Mysterien der Griechen erhalten habe. Die Mythen fassten die poetischen Elemente der Ursprache zu einer Ansicht des Weltganzen zusammen, bei der auch Naturerscheinungen eine bedeutende Rolle spielten. In Schellings Philosophie ist der Mythos nicht mehr vom Menschen erdacht, sondern der Mensch scheint umgekehrt ein Instrument des Mythos zu sein. FĂŒr Schelling und Schlegel ist nicht mehr die Philosophie, sondern die Poetik in Form einer âneuen Mythologieâ die (vor allem Ă€sthetische) âLehrerin der Menschheitâ. Friedrich Creuzer argumentiert antirationalistisch, dass der Mythos nur durch Anschauung und Erfahrung erschlossen werden könne. Er trennt die innere Seite, den theologischen Gehalt, von der Ă€uĂeren, dem Volk verstĂ€ndlichen Seite.cite-ref-31[31]
Die verlorene und zugleich beschworene AutoritĂ€t des Mythos wurde zu einem wesentlichen Thema der Zeit. Vor allem in jungen Nationen wurde die Rekonstruktion und Sammlung nationaler Mythen zum Gegenstand einer nationalromantischen Dichtung (z. B. in Finnland das Kalevala). Dabei scheute man vor Fiktion (z. B. das estnische Kalevipoeg) und FĂ€lschung (im Fall des angeblichen keltischen Ossian-Mythos) nicht zurĂŒck. In der angestrengten Suche nach Urmythen zeigt sich die eng begrenzte Wirkung der AufklĂ€rung, die die Mythen als Formen von Priestertrug zu eliminieren suchte.
Darwinistisch beeinflusst war das MythenverstĂ€ndnis des in Oxford wirkenden Religions- und Sprachwissenschaftlers Friedrich Max MĂŒller. Mythen waren nach MĂŒller ursprĂŒnglich vorwissenschaftliche ErzĂ€hlungen zur NaturerklĂ€rung; sie berichteten von NaturphĂ€nomenen (z. B. vom Lauf der Sonne) und einmaligen Naturereignissen und erhielten ihre spĂ€tere personifizierte Form im Laufe der Jahrtausende durch sprachliche Verzerrung der Ăberlieferung: Aus dem Sanskrit-Wort dyaĂșs (leuchtender Himmel) seien die Namen des Himmels- und Vatergottes Dyaus Pita, âHimmelsvaterâ, Zeus Patir (ÎΔáœșÏ ÏαÏᜎÏ), Jupiter, Tyr (Ziu) usw. abgeleitet.cite-ref-33[33]
Nach Friedrich Nietzsche, der von MĂŒller beeinflusst wurde, ist das Unbehagen in der Kultur der Moderne Ausdruck eines Mythosverlusts. Der Mythos sei eine âAbbreviatur der Erscheinungâ (Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, 1872). Norbert Bolz stellt fest, dass diese Rhetorik bis heute Tradition hat: âDem mythenlosen Menschen der Moderne fehlt die Kraft der Abbreviatur, der Horizontbegrenzung, die der Mythos leistet. Der Mythos ist die Matrix des Weltbildes â er stellt ein Bild von der Welt und umstellt die Welt mit Bildernâ.cite-ref-34[34]
Der Mythos schafft Wissen durch ErzĂ€hlung im Gegensatz zur wissenschaftlichen ErklĂ€rung. Diese von Aristoteles zur Einteilung der Wissenschaften gebrauchte Unterscheidung wird im 19. Jahrhundert von der Romantik als Reaktion auf den Vormarsch der Naturwissenschaften zu einer Rechtfertigung des ErzĂ€hlens gegenĂŒber dem ErklĂ€ren, oft verbunden mit einem romantischen Glauben an die Existenz und Relevanz von VolksmĂ€rchen oder Volksliedern. Die mĂŒndliche Ăberlieferung von Mythen wurde daher oft als Beleg fĂŒr gemeinsame Autorschaft und uraltes Einvernehmen eines âVolksâ gesehen.
Im selben historischen Zusammenhang steht die Rechtfertigung des Irrationalen gegenĂŒber dem Rationalen. Als Gegensatz zum Mythos wird oft der Logos begriffen, der dem rationalen Diskurs zugĂ€nglich ist. Im Unterschied zur Historie lassen sich die GegenstĂ€nde des Mythos nicht nachprĂŒfen und hĂ€ngen eher mit einem kollektiven Glauben an seine Wirklichkeit oder Wahrheit zusammen. Dem Logos ist heute die wissenschaftliche Geschichtsschreibung zuzuordnen, wĂ€hrend sich mit dem Mythos u. a. die Glaubenslehre, die Literaturwissenschaft und die Soziologie befassen.
Mit dem Begriff Mythos wird seit dem 19. Jahrhundert oft die Vorstellung einer wiederholten BestĂ€tigung im Erleben und ErzĂ€hlen verbunden, die sich einem linearen Zeitbegriff und einem Fortschrittsdenken entgegenstellt. Abgesehen von Schöpfungsmythen behandelt der Mythos nach dieser Auffassung regelhaft wiederkehrende Konstellationen und Konflikte. Goethe verstand den Mythos als âMenschenkunde in höherem Sinneâ. Hinsichtlich seiner Wiederholungsstruktur nannte er ihn âdie abgespiegelte Wahrheit einer uralten Gegenwartâ (1814). Nietzsche prĂ€gte das Wort von der âewigen Wiederkunftâ (1888). Thomas Mann definierte das Wesen des Mythos als âzeitlose Immer-Gegenwartâ (1928). Er sei âvorbewusstâ, âdenn Mythos ist LebensgrĂŒndung: er ist das zeitlose Schema, die fromme Formel, in die das Leben eingeht, indem es aus dem Unbewussten seine ZĂŒge reproduziertâ.cite-ref-35[35]
20. Jahrhundert
Um 1900 verbanden sich romantische und neuhumanistische Vorstellungen mit den Erkenntnissen einer beginnenden wissenschaftlichen Ethnologie und Psychologie. Von Sigmund Freud ging die Vorstellung aus, dass Mythen als Projektionen menschlicher Probleme und Erfahrungen auf ĂŒbermenschliche Wesen deutbar seien. Oft werde im Mythos das Handeln und Wirken von Göttern in Anlehnung an menschliche VerhĂ€ltnisse (anthropomorph) dargestellt (Götterfamilien, Göttergeschlechter). Dass mit diesem Begriff des Mythos Eigenschaften der griechischen Mythologie auf AuĂereuropĂ€isches ausgeweitet werden, trug ihm den Vorwurf des Eurozentrismus ein.
Freuds Interesse am Mythos wurde, mit abweichenden Lehrmeinungen, von C. G. Jung geteilt. Im Gegensatz zu Freud, der den Mythos als eine Sublimierung seelischer VerdrĂ€ngungsprozesse begreift, sieht Jung im Mythos einen Spiegel eines kollektiven Unbewussten, das sich in zeitlosen, in verschiedenen Kulturen ĂŒbereinstimmenden Archetypen ausdrĂŒckt.cite-ref-degruyter-com-8-1[8]
Auch Lucien LĂ©vy-Bruhl stellte der rationalistischen Tradition die Idee von grundsĂ€tzlich verschiedenen Arten von Wissen gegenĂŒber, zu denen der Mythos als Kollektivvorstellung gehöre. Er sei Ausdruck der Bindung von Gruppen an ihre Vergangenheit und zugleich ein Mittel, ihre SolidaritĂ€t zu stĂ€rken.
Die GefĂ€hrdung von Ordnungen und Werten in der Zeit um die Weltkriege einerseits und ein zunehmender Pluralismus andererseits beförderten den Glauben an eine UniversalitĂ€t mythischer Vorstellungen unabhĂ€ngig von Kulturen und Weltbildern. Der Literaturwissenschaftler AndrĂ© Jolles hatte mit seinem Buch Einfache Formen (1930) einigen Einfluss auf die Mythentheorie, nicht nur im Vorfeld des Nationalsozialismus. In der Absicht, den Mythos vom Vorurteil des âPrimitivenâcite-ref-36[36] zu befreien, stellte er ihn neben die Instanz des Orakels, das gleichfalls wahrsage. Hinzu komme das Moment der Aufforderung: âNeben dem Urteil, das AllgemeingĂŒltigkeit schafft, steht die Mythe, die BĂŒndigkeit beschwört.âcite-ref-37[37] SchlieĂlich nimmt Jolles in der Mythe den Sog des Determinismus wahr: âwo Geschehen Notwendigkeit als Freiheit bedeutet, da wird Geschehen Mytheâ.cite-ref-38[38]
Aspekte des Mythos in den Wissenschaften
Das 20. Jahrhundert versuchte den Mythos zu rehabilitieren, nicht indem man abstreitet, dass er durch die moderne Wissenschaft ersetzt wird, sondern indem man zeigt, dass er eine ganz andere Funktion hat als die Wissenschaft oder dass er nichts ĂŒber die physikalische Welt sagt, sondern symbolisch gelesen werden muss. Zumindest letztere Variante lĂ€sst eine Reihe von wichtigen Funktionen des Mythos auĂer Acht, die in der Folge diskutiert werden. Dabei ist es aufgrund der Vielzahl der TheorieansĂ€tze nur schwer möglich, klare Entwicklungslinien zu ziehen. Charakteristisch sei fĂŒr die Mythenforschung gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine jeweils âmonolateraleâ Auslegung der Funktionen des Mythos, die vergleichende Aspekte vernachlĂ€ssigt (so der Indologe Michael Witzel).
Mythos in der Philosophie
Mythos als Weltdeutung wird schon durch die Vorsokratiker in den Gegensatz zur Erkenntnis des Logos gesetzt, wobei die auf Thales von Milet zurĂŒckgefĂŒhrten ersten AnfĂ€nge wissenschaftlichen Denkens bereits seit Aristoteles als Anfang der Philosophie ĂŒberhaupt interpretiert werden. Der Mythos bleibt in der Folge der Dichtung vorbehalten, bis die KirchenvĂ€ter sich gegen die griechischen Götter aussprachen, die âso sind, wie nicht einmal Menschen sein dĂŒrfenâ.cite-ref-39[39] Dieser âtheologische Absolutismusâ wirkt nach bis hin zu Renaissance und Barock, als in Dichtung und Malerei die Götter lĂ€ngst wieder Einzug gehalten hatten, jedoch philosophisch mittels Allegorese ins christliche Weltbild eingepasst werden konnten.
Erst der Gottesbegriff Spinozas und der Umschlag in die âSuprematie des Subjektsâcite-ref-hans-blumenberg-1979-40-0[40] durch Bacons Wissenschaftsbegriff und den durch Hobbes und Locke weiter vorangetriebenen Empirismus erlaubten 1725 dem FrĂŒhaufklĂ€rer Giambattista Vico in seiner âscienza nuovaâ den Entwurf einer Geschichtsphilosophie, in der die poetologisch-allegorische Wahrheit der Mythen in der FrĂŒhzeit des Menschen durch einen Aufschwung zum rationalen Bewusstsein abgelöst wird, das jedoch die Imagination schwĂ€cht und somit wieder zum Abstieg fĂŒhrt, bis eine âneue Wissenschaftâ, die Vico in seiner Zeit gekommen sah, den endgĂŒltigen Aufstieg sichert.cite-ref-41[41]
Mit Beginn der Moderne sieht sich die Theologie dann angesichts des âMassenatheismusâ auĂerstande, die Legitimation der bestehenden Ordnung gegenĂŒber der sich im revolutionĂ€ren Umbruch befindlichen Gesellschaft zu sichern. Andererseits kann die mit der AufklĂ€rung zur neuen Richtschnur gewordene empirische Wissenschaft nicht als Religionsersatz dienen, da âihre GeltungsansprĂŒche grundsĂ€tzlich hypothetisch formuliert sind. Hypothesen reichen aber nicht hin zur Legitimation von staatlicher Macht.âcite-ref-42[42] In diesem Umfeld verstĂ€rkt sich die Bedeutung von Philosophie, und unter dem neuen Primat der Freiheit sind es schlieĂlich Kants Postulate der praktischen Vernunft, die âDas Ă€lteste Systemprogramm des deutschen Idealismusâ â gleichermaĂen Hegel wie Schelling zugeschrieben â 1797 aufgreift, um die Forderung nach einer âNeuen Mythologieâ als âMythologie der Vernunftâ zu formulieren: âDie Philosophie muss mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machenâ. Der Mythos bleibt in der Folge ein zentrales Thema des Deutschen Idealismus. Schelling bezeichnet noch 1842 im âProzess der Mythologieâ Mythen als âErzeugnisse der Substanz des Bewusstseins selbstâ und als grundlegend fĂŒr das menschliche Bewusstwerden.
Vermittelt durch den Schelling-SchĂŒler Johann Jakob Bachofen wurde, gewissermaĂen als Erbe der âNachtseite der Romantikâ der ânicht-olympische Grund unterhalb der apollinischen Heiterkeit der homerischen Götterweltâ,cite-ref-43[43] den Schelling in seinem SpĂ€twerk anspricht, zum Gegenpol der hellenistischen KlassizitĂ€t, in radikalster Formulierung bei Nietzsche. Bachofen sah noch nach dem erfolgten Ăbergang vom Mutterrecht zum Patriarchat den Göttervater Zeus unter der Herrschaft der Schicksalsgöttin Moira und setzte in diesem Zusammenhang das Dionysische gegen das Apollinische. Dieser Gegensatz wird 1871 zentrales Thema in Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Hier zeigt sich deutlich die latente Sprengkraft der âentsubjektivierendenâ Mythenrezeption Nietzsches: âTrotz Furcht und Mitleid sind wir die GlĂŒcklich-Lebendigen, nicht als Individuen, sondern als das eine Lebendige, mit dessen Zeugungslust wir verschmolzen sind.âcite-ref-44[44] Der endgĂŒltige Schritt zur âRemythisierungâcite-ref-45[45] als Grundstein der wiedererlangten Geltung des Mythos im 20. Jahrhundert dĂŒrfte 1885 durch Nietzsches Also sprach Zarathustra erfolgt sein. Die dort postulierte âewige Wiederkunft des Gleichenâ ist nicht als metaphysische Aussage zu verstehen, sondern als ein provozierendes Deutungsangebot.
Die wohl wirkungsmĂ€chtigste Tradition der Philosophie der Gegenwart fĂŒhrt von Nietzsche aus weiter ĂŒber Freud und den französischen Strukturalismus bis zur Postmoderne, wobei die Struktur des Mythos ein zentrales Thema bleibt.
Ernst Cassirer interessiert sich hingegen aus erkenntnistheoretischer Perspektive fĂŒr die Stellung des Mythos im System der symbolischen Formen. Er charakterisiert den Mythos als eigene âDenkformâ neben Sprache, Kunst und Wissenschaft durch folgende Merkmale: Der Mythos ebenso wie das religiöse Ritual mache keine Unterscheidung zwischen verschiedenen RealitĂ€tsstufen (Immanenz/Transzendenz). Er kenne zudem keine Unterscheidung zwischen âVorgestelltemâ und âwirklicherâ Wahrnehmung (Traum/Wacherlebnis) und keine scharfe Trennung zwischen der SphĂ€re des Lebens und des Todes. Er kenne keine Kategorie des âIdeellenâ, denn alles (auch Krankheit und Schuld) habe âDingcharakterâ. Er betrachte Gleichzeitigkeit oder rĂ€umliche Begleitung als âUrsacheâ von Ereignissen (âpost hoc ergo propter hocâ). Mit dieser Beschreibung folgt Cassirer in etwa dem, was Lucien LĂ©vy-Bruhl als prĂ€logisches (prĂ©-logique) Denken bezeichnet. Diese Merkmale des Denkens lassen sich laut Cassirer nicht nur im âechten Mythosâ, also der GöttererzĂ€hlung, sondern auch in anderen Textarten wie in Gebeten und Liedern nachweisen.cite-ref-46[46] Einerseits steht fĂŒr Cassirer der Mythos als symbol- und welterschaffendes PhĂ€nomen auf einer Stufe mit der modernen Wissenschaft; gleichzeitig betrachtet er ihn jedoch als ein primitives PhĂ€nomen.
Unter dem Eindruck des Nationalsozialismus und nach seiner Flucht in die USA spricht Cassirer von modernen politischen Mythen, die er vollstĂ€ndig in den Bereich der IrrationalitĂ€t verweist. Damit entfernt er sich weit von LĂ©vy-Bruhls Begriff des prĂ€logischen Denkens (dessen Werk La MentalitĂ© primitive von 1921 wurde nach dem Zweiten Weltkrieg oft als rassistisch kritisiert, wovor ihn Mary Douglas in Schutz nahmcite-ref-47[47]) und folgt Malinowskis funktionalistischer Interpretation des Mythos als eines letzten Mittels der magischen Kontrolle des nicht Kontrollierbaren. Cassirer bezieht dies jedoch nicht auf die Kontrolle der physischen Natur, sondern auf die der Gesellschaft und des Staates.cite-ref-48[48] Damit verschwimmt jedoch jeder Unterschied zwischen Mythos und bloĂer Ideologie.
GegenĂŒber solcher Abwertung, die zur Annahme fĂŒhrt, dass der Mythos fĂŒr den modernen Menschen entbehrlich, ja schĂ€dlich ist, sieht Hans Blumenberg in der Tradition Arnold Gehlens den Mythos als eine Form der Verarbeitung existenzieller Grunderfahrungen, die den Menschen ĂŒberlasten. Das âNarrativâ des Mythos lehre einen Umgang mit diesen Situationen und stelle somit eine âEntlastungsfunktionâ (Arnold Gehlen) fĂŒr den Menschen dar. Dabei lasse sich der Mythos nicht in klare, nicht-bildhafte Sprache ĂŒberfĂŒhren. Gerade seine Polyvalenz gebe ihm seinen Reichtum und mache seine Interpretierbarkeit und Anwendbarkeit (im Sinne eines Nachvollzugs) in unterschiedlichsten Krisen möglich. Somit ist der Mythos als Weltdeutung des imaginĂ€ren Denkens die wohl frĂŒheste Antwort auf das menschliche BedĂŒrfnis nach Orientierung und Sicherheit angesichts des unverĂ€nderbaren âAbsolutismus der Wirklichkeitâ.cite-ref-blumenberg-49-0[49] Er entspricht der ursprĂŒnglichen Struktur menschlichen Denkens: Unbestimmte Angst lĂ€hmt, so dass der Mensch bestrebt ist, sie in objektbezogene Furcht umzuwandeln, mit der es sich leichter leben lĂ€sst. Dazu erfindet er Namen, Geschichten und ZusammenhĂ€nge, die das Unvertraute vertraut machen, das UnerklĂ€rliche erklĂ€ren und das Unbenennbare benennen. âWas durch den Namen identifizierbar geworden ist, wird aus seiner Unvertrautheit durch die Metapher herausgehoben, durch das ErzĂ€hlen von Geschichten erschlossen in dem, was es mit ihm auf sich hat.â (Blumenberg)cite-ref-blumenberg-49-1[49] Auf diese Weise wird das Nichtmenschliche âvermenschlichtâ und es entsteht eine verwandtschaftliche Bindung an das âGroĂe Ganzeâ.cite-ref-50[50] Der Mythos ist nicht hinterfragbar, er erzĂ€hlt, statt zu belegen, er ist âdie Beschwörung der Dauerhaftigkeit der Welt im Ritual.âcite-ref-51[51] Dies verweist auf die tiefe Verwurzelung des Mythos im menschlichen Denken zur âErhaltung des Subjekts durch seine Imagination gegen das unerschlossene Objektâcite-ref-hans-blumenberg-1979-40-1[40] im Vergleich zum Traum als âreiner Ohnmacht gegenĂŒber dem GetrĂ€umten, völlige(r) Ausschaltung des Subjektsâ und âreine(r) Herrschaft der WĂŒnsche.âcite-ref-52[52]
Der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus stellte 1942 in Der Mythos des Sisyphos die antike Figur des Sisyphos als potenziell selbstbestimmten und daher glĂŒcklichen Menschen dar: In der beharrlichen Sinnlosigkeit einer Sisyphusarbeit zeige sich die Freiheit des Menschen eher als in seiner Ergebenheit gegenĂŒber AutoritĂ€ten.
Kurt HĂŒbner legt im letzten Kapitel seines Buches Kritik der wissenschaftlichen Vernunftcite-ref-53[53] und in seinem Buch Die Wahrheit des Mythos eine systematische und inhaltliche (aber nicht-funktionalistische und nicht-strukturalistische) Deutung des Mythos als einer eigenstĂ€ndigen Wirklichkeitsauffassung vor. Weiter setzt er sich kritisch mit den klassischen und aktuellen Mythosdeutungen sowie mit den AnsprĂŒchen der Naturwissenschaften auseinander. In Abgrenzung zur naturwissenschaftlichen Ontologie versucht er die Frage nach der RationalitĂ€t und Wahrheit des Mythos zu klĂ€ren.
Mythos im Strukturalismus und Poststrukturalismus
Dass Mythen keine âprimitivenâ Formen der Sinnbildung sind, sondern ausgefeilte Techniken, mit deren Hilfe eine Analogie zwischen Natur- und Sozialordnung begrĂŒndet, stabilisiert und Sicherheit gestiftet werden kann, wird seit den Arbeiten von Claude LĂ©vi-Strauss allgemein anerkannt. Sie haben eine epistemische (das Wissens- bzw. Glaubenssystem systematisch ordnende), soziale und anthropologische Funktion.cite-ref-54[54]
1949 erschienen LĂ©vi-Straussâ Elementare Strukturen der Verwandtschaft, 1962 Das Ende des Totemismus und 1964â1971 das vierbĂ€ndige Hauptwerk Das Rohe und das Gekochte. Mythos ist hier (wie fĂŒr Edward Tylor, siehe unten) eine grundlegende protologische Struktur menschlichen Denkens in allen Kulturen: Im Verlauf eines Mythos kann alles geschehen, er weist keine KontinuitĂ€t auf. Dennoch kann das âwilde Denkenâcite-ref-55[55] wie alles Denken in Gegensatzpaaren geordnet werden, die nicht aus einer unbegrenzten Imagination heraus entstehen, sondern durch Beobachtung und Hypothesenbildung gewonnen wurden. Darin sind sie den Systematiken der modernen Welt Ă€hnlich. AuĂerdem bieten diese Gegensatzpaare (wie das Rohe und das Gekochte, Exogamie und Inzest, wilde und gezĂ€hmte Tiere, Himmel und Erde, Ăber- und Unterbewertung der Blutsverwandtschaft durch Inzest und Vatermord usw.) eine Reihe von Lösungen fĂŒr den Widerspruch, dass sich der Mensch einerseits als Teil der Natur und gleichzeitig als kulturelles Wesen erfĂ€hrt.cite-ref-56[56]
Dabei wird die Diachronie, die chronologische Anordnung der Handlung, in der Synchronie der Gegensatzpaare aufgehoben: âMan wird nicht zögern, Freud nach Sophokles zu unseren Quellen des Ădipusmythos zu zĂ€hlen. Ihre Versionen verdienen dieselbe GlaubwĂŒrdigkeit wie andere, Ă€ltere und dem Anschein nach âauthentischereâ. [âŠ] Da ein Mythos aus der Gesamtheit seiner Varianten besteht, muss die Strukturanalyse sie alle mit dem gleichen Ernst betrachtenâ.cite-ref-57[57] Kein Element des Mythos und keine Gruppe von Elementen hat fĂŒr sich eine Bedeutung, weder eine wörtliche noch eine symbolische; sie gewinnen ihre Bedeutung erst aus der Beziehung auf andere Elemente bzw. Gruppen. Das Gleiche gilt fĂŒr einzelne Mythen wie auch fĂŒr das VerhĂ€ltnis von Mythos und Ritual. Darin besteht die Anleihe bei der modernen strukturalistischen Semiologie, was LĂ©vi-Strauss den Vorwurf eingetragen hat, die Mythen aus ihrem Zusammenhang gerissen zu haben.
Das dem Mythos immanente âwilde Denkenâ (LĂ©vi-Strauss) ist ebenso stringent wie das moderne Denken; es unterscheidet sich davon dadurch, dass es der SphĂ€re der konkreten Wahrnehmung angepasst ist, wĂ€hrend das abstrakt-wissenschaftliche Denken davon abgehoben ist. Das wilde Denken ist âdie Ăbersetzung eines unbewussten Erfassens der Wahrheit des Determinismus.âcite-ref-58[58] Der Interpretation bietet sich derart âein Schema, das dauernde Wirkung besitztâ.cite-ref-59[59] Damit betont LĂ©vi-Strauss wie Tylor die kognitionssteuernde Rolle der Mythen; die emotionalen Funktionen des Mythos, etwa seine FĂ€higkeit, existenzielle Ăngste zu verarbeiten, treten in den Hintergrund. Die Handlung und damit die narrative Deutung seien gegenĂŒber der Ordnung stiftenden kognitiven Struktur zweitrangig; die Syntax des Mythos ist sozusagen wichtiger als seine Semantik.
Als Lösung des Widerspruchs von Gegensatzpaaren im Mythos sieht der belgische Kulturanthropologe und LĂ©vi-Strauss-SchĂŒler Marcel Detienne, ein MitbegrĂŒnder der Ăcole de Paris, den in vielen (v. a. griechischen) Mythen erscheinenden Kompromiss zwischen den Extremen an. Solche Extreme bzw. Kompromisse auf den verschiedenen Ebenen des Mythos sind miteinander assoziiert. WĂ€hrend auf der Ebene der ErnĂ€hrung das rohe Fleisch und der Salat das eine und die GewĂŒrze das andere Extrem bilden, vermittele das gebratene Fleisch und das Getreide zwischen diesen Extremen. Auf einer anderen Ebene entspreche das dem Menschen, der zwischen dem Tierreich und den Geistwesen stehe. Diese wiederum werde mit den sonnengereiften GewĂŒrzen assoziiert, wĂ€hrend rohes Fleisch mit KĂ€lte und dem Winter verbunden sei. Salat und rohes Fleisch stehen fĂŒr Enthaltsamkeit, GewĂŒrze symbolisieren sexuelle Ausschweifungen und PromiskuitĂ€t. Dazwischen stehe die Ehe, die durch Getreideanbau und gebratenes Fleisch reprĂ€sentiert werde. Die Verteilung der Opfergaben sei dazu analog: So gehen die GewĂŒrze an die Götter, ihr Rauch steigt zum Himmel empor.cite-ref-60[60]
Auch Georges DumĂ©zilcite-ref-61[61] behandelt Mythen nicht in historischer Perspektive, sondern ist am Strukturvergleich interessiert. Er versucht Strukturen unter der OberflĂ€che der Mythen der altindoeuropĂ€ischen Völker nachzuweisen, die anders als bei LĂ©vy-Strauss keine Ordnung des Denkens in Gegensatzpaaren, sondern in drei Klassen aufweisen, welche die Mythen, das Pantheon und die gesamte sakrale Lebensordnung strukturieren. Diese sog. âtrifunktionelle Ideologieâ bildet seit mindestens 1500 v. Chr. die drei Hauptklassen oder Kasten der indoeuropĂ€ischen Völker ab: Priester (Herrschaft), Krieger und Bauern (Wachstum) und findet sich auch im Götterhimmel. Ihre Entdeckung wurde wichtig fĂŒr die Entwicklung der vergleichenden Religionswissenschaft. Die Götter haben nach DumĂ©zil einerseits eine magische, andererseits eine richtende Funktion. Die IdentitĂ€t zweier Götter ergibt sich aus ihrer analogen Funktion im jeweiligen Pantheon. Allerdings passt die Dreiteilung z. B. nicht zur nordischen Mythologie, die keine Priester, dafĂŒr aber Sklaven kennt. Witzel hĂ€lt die von DumĂ©zil untersuchten Mythensysteme fĂŒr den Versuch, im Prozess der Bildung von frĂŒhen Staatsgebilden die unteren Klassen und Kasten vom mythischen Privileg göttlicher Abstammung auszuschlieĂen. WĂ€hrend die Klassen der Arya ihre Abstammung auf die Sonne zurĂŒckfĂŒhrten, wird die untere Klasse im Sanskrit als à€
à€źà€Ÿà€šà„à€· (amÄnuáčŁa), nicht menschlich oder un-menschlich bezeichnet.cite-ref-62[62]
Andere strukturelle KlassifikationsansĂ€tze stammen von Mislav JeĆŸic und Franciscus Bernardus Jacobus Kuiper. Das in der Mythenforschung vorherrschende gedankliche Vorbild ist das der stammbaumartigen Klassifizierung der indoeuropĂ€ischen Sprachen, die die Rekonstruktion einer hypothetischen Ursprache erlauben soll. Bruce Lincoln kehrt das Modell um und analysiert die Verzweigungen der ursprĂŒnglichen indoeuropĂ€ischen Mythen (z. B. des Narrativs vom BrĂŒderpaar *Manu â ein Priester, der strukturell Odin oder Romulus entspricht â und *Yemo â Ymir oder Remus, ein König, wobei der Viehraub eine zentrale Rolle spielt).cite-ref-63[63] Diese Mythenadaptionen interpretiert Lincoln in der Tradition Antonio Gramscis als autoritative (ermĂ€chtigende) Narrative, durch welche die Klassengrenzen wie in DumĂ©zils System gezogen werden.
Michael Witzel untersucht die Mythen vieler Völker aus sprachwissenschaftlicher Sicht und in vergleichender sowie historischer Perspektive. Er erweitert das strukturell-genetische Modell der Indogermanistik durch den Strukturvergleich mit Mythen aus sĂ€mtlichen anderen SprachgroĂrĂ€umen und bezieht historische Aspekte in die vergleichende Analyse ein. Dabei kritisiert er das MythenverstĂ€ndnis von Robert Bellah,cite-ref-64[64] der in seiner Unterscheidung der Stadien religiöser Entwicklung ein primitives vorneolithisches Stadium postuliert, in dem physische PhĂ€nomene direkt durch mythische Figuren reprĂ€sentiert werden, die untereinander unverbunden sind und einzeln verehrt werden, und ein zweites archaisches Stadium mit Vorstellungen einer systematischen göttlichen Ordnung, die sich in Mythensystemen ausdrĂŒckt. Auf dieses folgt nach Bellah wiederum das Stadium der historischen Religionen. Doch nur weil es keine archĂ€ologischen Hinweise auf komplexe spĂ€tpalĂ€olithische Mythen gebe oder weil die Existenz von Abbildungen schamanistischer AktivitĂ€ten auf frĂŒhen Höhlenmalereien vereinzelt bestritten werde,cite-ref-65[65] könne nach Witzel deren Existenz zufolge nicht ausgeschlossen werden. Aus der Tatsache, dass einfache JĂ€gerkulturen kaum archĂ€ologische Spuren hinterlassen, dĂŒrfe nicht der Schluss gezogen werden, dass sich in der Zeit von 50.000 bis 20.000 v. Chr. keine Evolution komplexer Mythen vollzogen habe. Komplexe syntaktisch gegliederte Sprache gebe es immerhin seit 40.000 bis 50.000 Jahren,cite-ref-66[66] so dass orale Traditionen seit dieser Zeit verbal weitergegeben werden konnten.cite-ref-67[67] Er datiert den Ursprung strukturierter Mythen auf die Zeit der spĂ€tpalĂ€olithischen Felsmalerei und billigt ihnen gerade in strukturierter Form (als story-line) eine groĂe StabilitĂ€t bei ihrer Ăberlieferung zu.
Die bleibende und aktuelle GĂŒltigkeit der Struktur des Mythos ist Thema der Semiologie, etwa in Roland Barthes Mythen des Alltags, wobei dieser sich extrem kritisch zur âLesbarkeitâ des Mythos Ă€uĂert: âDer Verbraucher des Mythos fasst die Bedeutung als ein System von Fakten auf. Der Mythos wird als ein Faktensystem gelesen, wĂ€hrend er doch nur ein semiologisches System darstellt.âcite-ref-68[68]
Kritisch ist die Stellung der Postmoderne zum Mythos als WelterklĂ€rungsmodell, wie schon am Titel des Anti-Ădipuscite-ref-69[69] von Deleuze/Guattari ersichtlich. Im Vorwort zum zweiten Band Mille Plateaux heiĂt es zu Nietzsche: âNietzsches Aphorismen brechen die lineare Einheit des Wissens nur auf, um im gleichen Zuge auf die zyklische Einheit der ewigen Wiederkehr zu verweisen, die im Denken als Nichtgewusstes anwesend ist.âcite-ref-70[70]
FĂŒr die meisten Poststrukturalisten und Linguisten (wie schon fĂŒr Albert Camus) sind Mythen also autonome Texte, die von jeder rituellen Praxis getrennt sind und ĂŒber deren Ursprung und Zweck zu spekulieren sich verbietet.
Mythos in der Psychologie
Bereits in der Antike gab es Bestrebungen, die im Mythos dargestellten Geschehnisse als Sinnbilder der menschlichen Psyche zu deuten. So legte beispielsweise Lukrez in seinem Lehrgedicht de rerum natura eine solche Interpretation vor. Darin versuchte er, die berĂŒhmten Qualen von Tantalos, Tityos und Sisyphos aus seinem naturalistisch-rationalen Weltbild heraus zu erklĂ€ren.cite-ref-71[71] Demnach steht die Angst, die Tantalos vor dem ĂŒber seinem Kopf schwebenden Stein hat, fĂŒr die stĂ€ndige Furcht vor den strafenden Göttern. Tityos verspĂŒrt keine Schmerzen, weil ihm Adler die stĂ€ndig nachwachsende Leber aus dem Leib reiĂen, sondern weil er sich in Liebessehnsucht verzehrt. Sisyphos ist das Sinnbild des rastlos strebenden Menschen, der sich nie mit dem Erreichten begnĂŒgt und niemals zur Ruhe kommt.
FĂŒr die Völkerpsychologie und Apperzeptionstheorie der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende war der Mythos die Anschauungs- und Denkweise des âprimitivenâ Menschen, fĂŒr den jede Anschauung zum Symbol werde (Wilhelm Wundt,cite-ref-72[72] Heymann Steinthal, Eduard Meyer); mit Religion habe er nichts zu tun. Auch fĂŒr Wilhelm Dilthey war der Mythos keine Religion, sondern ein Stadium der intellektuellen Entwicklung.
Von Adolf Bastian, dem GrĂŒndungsdirektor des Museums fĂŒr Völkerkunde in Berlin, stammt die Idee des âElementargedankensâ,cite-ref-73[73] also von Urmythen, die an weit auseinanderliegenden Orten der Welt aufgetreten sind, so dass sie offenbar nicht durch Diffusion verbreitet wurden. Er erklĂ€rte dieses PhĂ€nomen durch die HomogenitĂ€t der menschlichen Psyche und bereitete damit das Archetypenkonzept C. G. Jungs vor, obwohl er gleichzeitig an die Theorien Tylors anschloss.
Sigmund Freud sprach bereits 1896 von âendopsychischen Mythenâ, auf denen er eine âMetapsychologieâ als âOrientierung fĂŒr das Konstrukt der inneren Dramaturgieâ aufbaut (wobei er hier erstmals Ădipus erwĂ€hnt), verwarf diese These aber wieder, da sie in letzter Konsequenz zurĂŒck zu den âeingeboren Ideenâ Platons gefĂŒhrt hĂ€tte. In der âTraumdeutungâ von 1899 unterschied er zwischen der manifesten (wörtlichen) und der latenten (symbolischen) Bedeutungsebene von (Traum-)Mythen. Auf der manifesten Ebene scheitert beispielsweise Ădipus beim Versuch, dem ihm vorhergesagten Schicksal zu entgehen. Auf der latenten Ebene ist er erfolgreich bei der Befriedigung seiner geheimen WĂŒnsche. Auf einer noch tieferen Ebene lĂ€sst sich der (mĂ€nnliche neurotische) Leser bzw. der TrĂ€umende vom Mythos fesseln und wird erneut zu dessen Urheber, indem er Befriedigung fĂŒr seine verdrĂ€ngten WĂŒnsche findet, indem er sie symbolisch ausagiert. Mythen sind nur öffentlich gemachte TrĂ€ume. In seinem SpĂ€twerk definierte Freud 1937 den Mythos freilich als âLatenz vorgeschichtlicher Menschheitserfahrungâ.cite-ref-74[74]
An die frĂŒhen Arbeiten Freuds schloss Otto Rank an, der TrĂ€ume ebenfalls als symbolische Befriedigung verdrĂ€ngter WĂŒnsche ansah, aber darĂŒber hinaus eine differenzierte Handlungsstruktur des Heldenmythos â vor allem in der ersten LebenshĂ€lfte bis zur Etablierung des eigenen Ich â in Form einer âDurchschnittssageâcite-ref-75[75] anhand von 30 Mythen herausarbeitete. Schon Geburt (als erste Erfahrung von Todesangst, die im spĂ€teren Werk Ranks sogar in den Vordergrund tritt) und Ăberleben galten ihm als Heldentaten. Auf der wörtlichen Ebene ist Ădipus unschuldiges Opfer, auf der symbolischen Ebene ist er Held, weil er es wagt, seinen Vater zu töten.
Carl Gustav Jung beschrieb Mythen als Ausdruck von Archetypen, also tief im Unbewussten verankerten, aber nicht individuellen, sondern quasi kollektiv ererbten menschlichen Vorstellungs- und Handlungsmustern, die ĂŒberall erscheinen können â im Traum, in der Vision, im MĂ€rchen. Im Unterschied zu den unbewussten Archetypen sind Mythen nach Jung jedoch bewusste (âsekundĂ€reâ) Elaborationen dieser Archetypen. Besonders die Göttermythen â die Götter symbolisieren die Archetypen der Eltern â spiegeln leicht erkennbar das Handeln und Wirken von Menschen wider; schon ihre daher anthropomorph genannte Darstellung erfolgt meist analog zu menschlichen Gegebenheiten oder Erfahrungen, die nur in die Götterwelt projiziert werden (z. B. Götterfamilien, -geschlechterfolgen, Ehezwiste, Trug und List der Götter in der Griechischen Mythologie). Archetypen und Mythen können ĂŒber lĂ€ngere Zeit verlorengehen oder verdrĂ€ngt werden, wie z. B. der Mythos der Muttergottheit im Christentum, der allerdings in Form der Verehrung der Maria wieder auftaucht (sog. Atavismus).
FĂŒr C. G. Jung barg der Mythos immer auch Gefahren: So fĂŒhre die starke Identifikation mit den Archetypen wie die des puer aeternus (ewiger JĂŒngling) mit dem Archetypus der GroĂen Mutter (im Unterschied zu Freud und Rank nicht mit der konkreten Mutter oder einer Ersatzfigur) im Erwachsenenalter zu einem Leben als ewiger psychischer SĂ€ugling. Der Archetypus als solcher ist zwar eine zu akzeptierende RealitĂ€t, aber der konkrete puer aeternus gibt sein Ich zugunsten des Unbewussten auf; er strebt die RĂŒckkehr in den vorgeburtlichen Zustand der mystischen Einheit an.cite-ref-76[76]
Der Antagonismus zwischen Mythos und AufklĂ€rung wurde von den Vertretern des Archetypenkonzepts letztlich zu Gunsten des Mythos gedeutet: Der Mythos wird als rituelle Wiederholung von Urereignissen betrachtet, als erzĂ€hlerische Aufarbeitung menschlicher UrĂ€ngste und -hoffnungen. In dieser Funktion habe er einen unaufholbaren Vorsprung gegenĂŒber Begriffssystemen. Mythen können nach dieser Auffassung als bildhafte Weltauslegungen und Lebensdeutungen in ErzĂ€hlform allgemeine Wahrheiten enthalten und sich als unzerstörbar erweisen.
DafĂŒr stehen Ideen des Altphilologen und Religionswissenschaftlers Karl KerĂ©nyi, der sich mit der griechischen Mythologie beschĂ€ftigte. Von C. G. Jung beeinflusst, sprach KerĂ©nyi von der Psychologie als Individualmythologie und von der Mythologie als Kollektivpsychologie.cite-ref-77[77] Die etymologische Definition der mythologia als das ErzĂ€hlen (legein) von Geschichten (mythoi) verweist KerĂ©nyi zufolge erst auf den zweiten Blick auf einen âGrundtextâ, den der Mythos bestĂ€ndig variiert. âErzĂ€hlen ist in der Mythologie schon BegrĂŒndenâ.cite-ref-78[78] Der Mythos sei zeitlos, âseit jeher war er ungetrennt beides; GegenwĂ€rtiges und Vergangenes. Diese Paradoxie des Gleichzeitigen und Vergangen war im Mythos immer schon daâ.cite-ref-79[79]
Der Sprachwissenschaftler und Mythologe Joseph Campbell, SchĂŒler des Indologen Heinrich Zimmer, gilt als einer der BegrĂŒnder der vergleichenden Mythenforschung. Er untersuchte in seinem Buch âDer Heros in tausend Gestaltenâ (1949) anders als Rank, der das Kindheits- und Jugendalter betrachtete, die Mythen der zweiten Lebensphase: die Heldenreise als Aufbruch in eine neue (ĂŒbernatĂŒrliche oder Götter-)Welt und Bestehen von Abenteuern. FĂŒr ihn drĂŒcken Mythen ganz normale Entwicklungsaspekte der Persönlichkeit aus. Seine Mythenleser leben die Abenteuer nur im Geist aus; die Mythen verschmelzen mit der Alltagswelt, in welche die Heldinnen und Helden jedoch stets zurĂŒckkehren. Campbell betonte die lokalen Anpassungsformen und BeschrĂ€nkungen universeller Elementarmythen, die seit der Zeit der frĂŒhen Hochkulturen aus GrĂŒnden der Herrschaftslegitimation und sozialen Integration erfolgt seien. Diese Einvernahme von Mythen habe mit dem Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreicht. Als spezifische Anpassungsform des Mythos an die amerikanische Gesellschaft identifizierte er den Monomythos des lone rider, der gegen das Böse kĂ€mpft.cite-ref-80[80]
Film und Fernsehen sind die Orte, in denen die Mythen heute weiterentwickelt werden. Besonders das Kino ist geeignet, Mythen zu pflegen, da es vorzugsweise mit starken Stars (bzw. Star-Paaren) und wenig komplexen ErzĂ€hlmustern arbeitet. Es kommt der Bildlastigkeit des Mythos nĂ€her als es die Literatur vermag. Insbesondere der Hollywood-Film setzt auf Stars statt auf das Narrativ und damit auf psychologische Universalien statt auf Kulturalismen. Dabei kommt es jedoch zu psychologisch bedeutsamen kulturspezifischen Ăberformungen und Fortentwicklungen der zitierten oder neu kreierten Mythen. So wurde die Rolle der Frau im zunehmend mysogynen amerikanischen Film zeitweise verdrĂ€ngt durch das unzertrennliche mĂ€nnliche Paar (male bondage), dessen einer Partner hĂ€ufig ein âedler Wilderâ (Schwarzer, Indigener oder Polynesier, wie die Figur des Queequeg im Roman Moby Dick) war.cite-ref-81[81] Den homoerotischen Subtext dieser Entwicklung auch in der Literatur (so bei James Fenimore Cooper, Mark Twain und Herman Melville) hatte schon der Literaturwissenschaftler Leslie Fiedler aufgedeckt, der die amerikanische Literatur fĂŒr pathologisch vom Tode besessen hielt.cite-ref-82[82]
Der amerikanische Ethnologe Alan Dundes betrachtet den Mythos aus tiefenpsychologischer Sicht als Wunschsystem. Dundes arbeitete die vielen unbewussten WĂŒnsche und Utopien heraus, die sich in (teils auch kulturspezifischen) Mythen und MĂ€rchen konzentrieren, lieĂ allerdings offen, welche Rolle der Mythos bei der gesellschaftlichen Kanalisierung dieser WĂŒnsche spielt. In der Tradition Mircea Eliades stehend, maĂ er dem Mythos im Unterschied zu MĂ€rchen (folktales) jedoch eine sakrale Bedeutung bei. In ihnen manifestiere sich das ĂbernatĂŒrliche.cite-ref-83[83]
Donald Winnicott, ein Vertreter der britischen Schule der Objektbeziehungstheorie, sah im Mythos einen Zwischenbereich des Erlebens, der den Menschen von der anstrengenden Aufgabe entlastet, dauerhaft die innere und Ă€uĂere RealitĂ€t zueinander in Beziehung zu setzen.cite-ref-84[84] Der Mythos sei die Fortsetzung des kindlichen Spiels im Ăbergang zur Erwachsenenwelt; er schaffe wie Kunst und Religion eine eigene Welt von Bedeutung und Sicherheit in der Ă€uĂeren Welt.
FĂŒr Jacques Lacan, der auf LĂ©vi-Straussâ Strukturalismus aufbaut, sind Mythen und Rituale fĂŒr das Individuum notwendig, um die WidersprĂŒche einer ökonomischen und sozialen RealitĂ€t zu verschleiern, die es nicht umfassend symbolisch reprĂ€sentieren kann. Das individuelle Subjekt produziert ĂŒber alle diese WidersprĂŒche hinweg ein phantasmatisches Szenario, in dem es sich in stilisierter Form âzeremoniellâ in Szene setzt.cite-ref-85[85]
Heute sehen die meisten modernen Vertreter der Tiefenpsychologie die Rolle des Mythos als positiv fĂŒr die normale Ich-Entwicklung an. Er schaffe nicht nur symbolische Befriedigung fĂŒr die VerdrĂ€nger und Neurotiker und unterstĂŒtze nicht die Weltflucht wie der Traum, sondern lehre als kollektiv geteilte Erfahrung den bewussten Verzicht, die Sublimierung und die Auseinandersetzung mit der RealitĂ€t. Darin unterscheide sich der Mythos grundsĂ€tzlich vom Traum â so der Psychoanalytiker Jacob Arlow â, aber auch vom MĂ€rchen, das im Unterschied zu den Helden des Mythos eine sanftere, alltagstauglichere Sozialisationsinstanz sei â so Bruno Bettelheim.
In jĂŒngster Zeit beschĂ€ftigt sich ein Wissenschaftsdialog zwischen Neurobiologie, Anthropologie und Religionspsychologie mit Mythen, z. B. mit der Frage, warum Menschen immer wieder mit teleologischen Modellen operieren, die bei einer intentionalen Instanz enden.cite-ref-86[86]
Mythos und Ritual in der angelsÀchsischen Sozial- und Kulturanthropologie
Die britische Schule der Sozialanthropologie, die teils auf Vorarbeiten von Altphilologen und protestantischen Bibelforschern aufbaute, untersuchte vor allem das VerhĂ€ltnis von Mythos und Ritual, wobei sie in ihrer frĂŒhen Phase kaum eigene Feldforschung durchfĂŒhren konnte, sondern sich auf Berichte von Forschungsreisenden usw. verlassen musste. Kennzeichnend der breite interdisziplinĂ€re Ansatz der Myth and Ritual School, der ethnologische, soziologische, altertums- und religionswissenschaftliche, orientalistische, psychologische, evolutionstheoretische und philologische Aspekte einschloss. Diese Studien wurden von der von Franz Boas begrĂŒndeten amerikanischen Schule der Kulturanthropologie fortgefĂŒhrt, wobei Boas im Gegensatz zu evolutionistischen AnsĂ€tzen und weltumspannenden Verbreitungsstudien von Mythen, wie sie zu seiner Zeit Mode waren, die Aufmerksamkeit auf die spezifischen und kulturellen Gegebenheiten einer Region lenkte, aber die Tatsache der weiteren Verbreitung der Mythen als ErzĂ€hlungen durchaus anerkannte.
FĂŒr Edward Burnett Tylor handelte es sich bei Mythos (der von ihm dem Bereich der Religion zugerechnet wird) um eine Art prĂ€logischer Proto-Science, die zum Ritual im selben VerhĂ€ltnis steht wie die Wissenschaft zur Technik: Rituale werden nach Tyler aufgrund von Mythen entwickelt und dienen (dem Versuch) der Naturbeherrschung oder -kontrolle. Aufgrund der RegelmĂ€Ăigkeit der Rituale kann man den Mythos quasi als ein Gesetz zur entsprechenden Handlung verstehen; es handele sich beim Ritual sozusagen um einen angewandten Mythos (sog. ritual-from-myth approach).cite-ref-87[87]cite-ref-88[88] Mythen werden nicht mehr benötigt, sobald sich moderne Religionen oder Ideologien auf eine entwickelte Ethik und Metaphysik grĂŒnden. Auch fĂŒr James George Frazercite-ref-89[89] stand am Anfang das âWortâ des Mythos, wobei dem Ritual die Bedeutung der dramatischen Darstellung des ErzĂ€hlten zufiel.
FĂŒr den schottischen presbyterianischen, anti-katholisch (und damit anti-rituell) eingestellten Arabisten William Robertson Smith waren Mythen demgegenĂŒber nur dogmatische ErklĂ€rungen fĂŒr religiöse Rituale, deren Ursache nicht (mehr) verstanden werden. So begleiten die alten Völker den Kreislauf der Vegetation durch Rituale. Von den altorientalischen Vegetationskulten blieb bei den Griechen nur noch der Adonis-Mythos lebendig (sog. myth-from-ritual approach). Die frĂŒhen Religionen waren fĂŒr Robertson Smith im Kern Ansammlungen von Ritualen, nicht von Vorstellungen oder ErzĂ€hlungen, die spĂ€ter daraus entstanden sind.cite-ref-90[90] Ăhnlich postulierte der Literaturtheoretiker Stanley Edgar Hyman (1919â1970), dass das (prĂ€logische) Ritual Ă€lter sei als der Mythos, der sich nachtrĂ€glich als (logisch-)âĂ€tiologische ErzĂ€hlungâ zur ErklĂ€rung von NaturphĂ€nomenen verselbststĂ€ndigt habe.cite-ref-91[91]
FĂŒr die Vertreter dieses Ansatzes wirkt das Ritual also ex opere operato, d. h. durch seinen bloĂen Vollzug wird Heil bewirkt, ohne dass dabei die ErzĂ€hlung erinnert werden muss â eine Vorstellung, die auch im Christentum noch nachwirkt.cite-ref-92[92] Allerdings bleiben dabei die Fragen nach der Entstehung und dem zĂ€hen Ăberleben von Ritualen unbeantwortet.
Robertson Smith beeinflusste jedoch durchaus die umfangreichen Arbeiten von James George Frazer ĂŒber den im Jahresablauf durch das Schneiden und Zerstampfen des Getreides sterbenden, in die Unterwelt hinabsteigenden und im FrĂŒhling wieder auferstehenden Gott der Pflanzenwelt, wie er im ursprĂŒnglich vorderasiatischen Adonis-Mythos beschrieben wird. Die Götter waren fĂŒr Frazer nur Symbole fĂŒr natĂŒrliche VorgĂ€nge. Der ânatural law manâ sei durchaus zu logischem Denken fĂ€hig, er benutze jedoch magische Rituale, wenn er an die Grenzen seines kausalen NaturverstĂ€ndnisses stöĂt, und wenn diese Rituale versagen â also etwa bei Missernten â, helfe ihm der Mythos, also der Glauben an unsichtbare MĂ€chte, sich mit den Grenzen seiner Macht abzufinden. Der Mythos beschreibe also natĂŒrliche VorgĂ€nge; er gehe dem Ritual voraus, das zu einem rein landwirtschaftlichen Vorgang wird.cite-ref-94[94] Frazer unterschied weiterhin zwischen Mythos und Magie: Magie basiere zwar ebenfalls auf Glauben, sei aber wie Wissenschaft auf ĂberprĂŒfbarkeit ausgerichtet. Dieselbe Ursache werde immer dieselbe Wirkung erzielen.
Die Altphilologin Jane Ellen Harrison hingegen hĂ€lt den Mythos nur fĂŒr eine versprachlichte Form des Rituals, fĂŒr eine Art von Sprechakt, der allerdings selbst magische QualitĂ€ten besitzt.cite-ref-95[95] Von Frazer ĂŒbernimmt sie die Bereitschaft, die Religion der Griechen und der Juden als eher primitiv einzustufen. Götter sind Projektionen der durch die dramatische Kraft der Rituale ausgelösten Euphorie. Mythen dienen sowohl nach Frazer als auch nach Harrison dazu, Rituale vor dem Vergessenwerden zu schĂŒtzen und neue Mitglieder in die Gemeinschaft einzufĂŒhren. Sie können sich verselbststĂ€ndigen und vom Ritual ablösen; oder das Ritual verselbststĂ€ndigt sich und wird um seiner selbst ausgefĂŒhrt, was fĂŒr Harrison den Ursprung jeder Art von Kunst darstellt.
Auch Samuel Henry Hooke und neuerdings Gregory Nagy sprechen dem Mythos eine performative wortmagische Bedeutung zu.cite-ref-96[96]
Die Rolle von Mythen und Ritualen als Sozialisationsinstanzen, aber auch als Symbolisierung von Aggressionen und Tötungsriten betont der deutsche Altphilologe Walter Burkert, der wie der Erforscher der Navajo, Clyde Kluckhohn, Mythos und Ritual fĂŒr unabhĂ€ngig voneinander entstanden hĂ€lt, aber untersucht, wie sich ihre Wirkung wechselseitig verstĂ€rkt. Das Ritual verwandle eine einfache Geschichte in eine soziale Norm; der Mythos verleihe dem menschlichen Handeln eine göttliche Legitimation. DemgegenĂŒber weist Frits Staal die Idee der Myth and Ritual School zurĂŒck und spricht von der Bedeutungslosigkeit der Rituale. Sie wĂŒrden keine kulturellen oder sozialen Werte vermitteln, sondern seien Selbstzweck.cite-ref-97[97]
FĂŒr BronisĆaw Malinowski stand nicht die rituelle, sondern die soziale Legitimationsfunktion des Mythos im Vordergrund. Er hielt Mythen fĂŒr nachtrĂ€gliche oder begleitende Legitimationen von Ritualen; es gebe aber viele AlltagstĂ€tigkeiten, zu denen ebenfalls Mythen erzĂ€hlt werden, oder Heldenmythen, die zum Nacheifern anregen sollen. Mythos und Ritual seien also nicht zwingend miteinander verbunden. Mythen und Rituale dienten nicht primĂ€r der ErklĂ€rung natĂŒrlicher oder physikalischer PhĂ€nomene, sondern vielmehr der BewĂ€ltigung gesellschaftlicher Zumutungen. Der Mythos solle unbequeme moralische Regeln, Rituale und GebrĂ€uche rechtfertigen. Er habe nicht die Funktion, die Rituale zu erklĂ€ren, sondern legitimiere sie dadurch, dass er ihren Ursprung in ferner Vergangenheit ansiedelt. So erleichtere der Mythos den Menschen, sie anzuerkennen. Mythen seien Teil der vielfĂ€ltigen funktionalen (wirtschaftlichen, sozialen oder religiösen), pragmatischen und performativen Elemente einer Kultur, also nicht nur reine Vorstellung, Reflexion oder ErklĂ€rung, sondern Bestandteile handlungsbestimmender Wirklichkeit. Sie seien daher nur als Teil der Handlungen, die bestimmte Aufgaben in bestimmten Gemeinschaften erfĂŒllen, und nur durch teilnehmende Beobachtung und den Dialog mit den mythmakers zu verstehen.cite-ref-98[98]
Unter Berufung auf Malinowski argumentierte Mircea Eliade, dass viele Rituale nur ausgefĂŒhrt werden, weil man sich dabei auf einen Ursprungsmythos stĂŒtzen oder eine mythische Figur imitieren kann, der das Ritual begrĂŒndet haben soll. Mythen legitimieren nach Eliade aber nicht nur Rituale, sondern erklĂ€ren den Ursprung der verschiedensten PhĂ€nomene (sog. âĂ€tiologische Mythenâ). Der Mythos wirke als eine Art Zeitmaschine; er bringe die Menschen den alten Göttern oder Heroen nahe.cite-ref-99[99] Witzel betrachtet hingegen das VerhĂ€ltnis von Mythos und Ritual als eine unentscheidbare chicken-and-egg-discussion (Witzel 2011, S. 372).
Robin Horton (1932â2019) wurde oft als Neo-Tylorianer bezeichnet; doch fĂŒr ihn sind personalisierende (mythische) ErklĂ€rungsmodelle der Welt nicht mit einem âprimitivenâ oder religiösen Denken verbunden, sondern sie entstehen in einer Umwelt, in der Dinge nicht berechenbar und weniger vertraut sind als Menschen, also in nicht-industriegesellschaftlichen Kulturen. Dieser gesellschaftliche Kontext bestimmt die Form des Denkens: So werden in afrikanischen Religionen die letzten Entscheidungen grundsĂ€tzlich menschenĂ€hnlichen Wesen zugeschrieben.cite-ref-100[100] FĂŒr Karl Popper, der an das Denken Hortons anschlieĂt und dessen Thesen radikalisiert, besteht schlieĂlich kein grundsĂ€tzlicher Unterschied zwischen der Struktur des Mythos und der der westlichen Wissenschaft; letztere ist allerdings in eine Diskussionskultur eingebettet und ĂŒberprĂŒfbar, der Mythos hingegen ist es nicht.cite-ref-101[101]
Damit bezieht er wie viele britische Ethnologen eine kontrĂ€re Position zu der des französischen Ethnologen Lucien LĂ©vy-Bruhl, der das mythische Denken schlechthin fĂŒr prĂ€logisch hĂ€lt. Auch der polnisch-amerikanische Kulturanthropologe Paul Radin, ein SchĂŒler von Franz Boas und Erforscher des Kults der Winnebago und ihrer epischen ErzĂ€hlungen von den Taten ihrer Kulturheroen, ist ein scharfer Kritiker LĂ©vy-Bruhls. Er geht davon aus, dass Menschen in âprimitivenâ Gesellschaften auch nicht-mythisch, ja philosophisch denken können. Der Unterschied zwischen dem Denken des Durchschnittsmenschen mit dem Hang zum Mythos als einer mechanischen ErklĂ€rung sich wiederholender VorgĂ€nge (im Sinne von Nietzsches Wiederkehr des Immergleichen) und dem Denken der Ausnahmepersönlichkeit sei in allen Gesellschaften in Ă€hnlicher Weise ausgeprĂ€gt.cite-ref-102[102]
Heute sieht die Ethnologie die Bestimmung der Rolle des Mythos im strukturfunktionalistischen Ansatz Malinowskis und anderer Autoren als zu normativ und statisch an. Sie betont demgegenĂŒber die permanente Evolution der Mythen im Prozess gesellschaftlichen Wandels. Damit tritt die aktive Rolle des mythmakers in den Vordergrund.cite-ref-103[103] Joseph Campbell unterschied in diesem Sinn bereits frĂŒher links- und rechtshĂ€ndige Mythen. Letztere seien normenkonform und unterstĂŒtzten den sozialen Status quo. LinkshĂ€ndige Mythen zeugten hingegen von sozialer Innovation durch erfolgreiche Regelverletzung (z. B. der Mythos von Prometheus).
Mythos in Soziologie, Staats- und Geschichtswissenschaft
Die Sozial- und Geschichtswissenschaften haben sich bisher nicht darauf einigen können, ob sie den Begriff âMythosâ im alltagssprachlichen Sinn oder als theoretisch definierten Begriff fĂŒr Personen, kollektive Bewegungen und Ereignisse verwenden wollen, die Gegenstand eines öffentlichen Kults geworden sind. Sind Prozesse der (modernen) Mythenbildung zum einen Gegenstand sozialwissenschaftlicher und historischer Untersuchungen, so waren historische Mythen andererseits Quellen, die Aufschluss ĂŒber die Sozialstruktur frĂŒherer Gesellschaften geben konnten (wie z. B. die Analysen Georges DumĂ©zils). Auch die Historiker reflektieren im Rahmen der kulturwissenschaftlichen Wende des Fachs den Mythosbegriff seit einigen Jahren und untersuchen Traditionsbildung, kollektive Erinnerung und MentalitĂ€ten.
Die Grundlagen soziologischer Mythosforschung schuf Ămile Durkheim mit seinen Untersuchungen ĂŒber den Totemismus in Australien.cite-ref-104[104] Dabei ging er nicht von einem evolutionistischen Paradigma aus, sondern erkannte, dass die Eingeborenen Australiens komplexe religiöse Systeme erschaffen hatten, die Ă€hnliche Funktionen wie die Weltreligionen erfĂŒllten. Kernelement des Religiösen ist nach Durkheim die Unterscheidung zwischen zwei absolut getrennten SphĂ€ren: dem Heiligen und dem Profanen. In der sĂ€kularisierten Moderne ersetzt die Gesellschaft in den kollektiven Vorstellungen der Menschen die Religion: Sie glauben an die soziale Ordnung und errichten Institutionen und Riten, um diese zu stabilisieren. Ăhnlich definierte Robert Bellah die Zivilreligion als den religiösen Anteil der zivilen Kultur einer Demokratie, durch den ein schĂŒtzender Baldachin von Glaubenswahrheiten und Mythen ĂŒber ihr errichtet wird, welche die sozialen Regeln legitimieren.
FĂŒr den französischen Sozialisten Georges Sorel, fĂŒr den der Wahrheitsgehalt des Mythos gleichgĂŒltig war, sind Mythen hingegen Leitideologien, Bilder von groĂen Schlachten, die geschlagen werden mĂŒssen, um die Gesellschaft auf neue moralische Grundlagen zu stellen; sie haben eine Mobilisierungsfunktion (wie der Mythos des Generalstreiks der Syndikalisten, der marxistische Mythos der Endkrise des kapitalistischen Systems oder der katholische Kampf zwischen Satan und der Kirche).cite-ref-105[105] FĂŒr Benedict Andersoncite-ref-106[106] sind alle groĂen Gemeinschaften, die ĂŒber die dörfliche Face-to-Face-Kommunikation hinausgehen, imaginierte Gemeinschaften; sie benötigen mĂ€chtige Gemeinschaftsvorstellungen. Das gilt nicht nur fĂŒr moderne Gesellschaften, die Anderson untersucht, sondern auch fĂŒr frĂŒhere GrĂŒndungs- und Geschichtsmythen wie z. B. fĂŒr das Deuteronomistische Geschichtswerk, das den Aufbau eines jĂŒdischen Zentralstaats legitimiert und die GrĂŒnde fĂŒr seinen Zerfall aus theologischer Sicht darstellt.cite-ref-107[107]
Der Rechtswissenschaftler Otto Depenheuer erinnert daran, dass viele Staats- und Rechtstheorien durch Mythen abgesichert sind, so der Leviathan von Thomas Hobbes. FĂŒr Depenheuer ist der religiöse ebenso wie der politische Mythos (wie fĂŒr Nietzschecite-ref-108[108]) ein âzusammengezogenes Weltbildâ, das auf âAngst vor der Kontingenz, UnĂŒbersichtlichkeit und Orientierungslosigkeitâ antwortet und KohĂ€renz sowie ein GefĂŒhl des âAufgehobenseinsâ und der IdentitĂ€t durch Ausblendungsstrukturen und Reduktion von KomplexitĂ€t stiftet.cite-ref-109[109] Auch der rationalistische Staat, das Recht und die Verfassung sind nicht frei von mythologischen Denkmustern, ErzĂ€hlungen und den ihnen korrespondierenden Ritualen. FĂŒr Samuel Salzborn ist das Ziel der politischen Mythen letztlich die Versöhnung der GegensĂ€tze, die Auflösung von Ambivalenzen, also eine Art symbolisches Konfliktmanagement. Darin folgt er LĂ©vi-Strauss.cite-ref-110[110] Ein Beispiel dafĂŒr ist der Streit der Humanisten ĂŒber die Frage, ob Karl der GroĂe ein Deutscher oder ein Franzose gewesen sei, der inzwischen dadurch entschĂ€rft wurde, dass Karl zur grĂŒndungsmythischen Referenzgestalt des vereinigten Europas wurde.cite-ref-111[111]
Die alltagssprachliche Verwendung des Mythosbegriffs, der dem Begriff der âWahrheitâ entgegengestellt wirdcite-ref-112[112] ignoriert aus soziologischer Sicht, dass gedankliche Konstrukte und kollektive Vorstellungen mit gleichem Recht Teil der RealitĂ€t und legitime Forschungsobjekte sind wie die âhartenâ historischen und sozialen Fakten.
Matthias Waechter definiert Mythos aus soziologischer Sicht heute wie folgt: âMythos bezieht sich auf gemeinsam erlebte und durch herausragende Individuen geprĂ€gte Geschichte [âŠ] (Diese) wird im Prozess ihrer Mythologisierung aus ihrem unmittelbaren zeitgebundenen Kontext herausgelöst und auf eine ĂŒberzeitliche Ebene gehoben; ihre Protagonisten werden mit transzendentalen Attributen versehen.âcite-ref-113[113] Der Mythos erfĂŒllt eine SchlĂŒsselrolle beim Erwerb, der Legitimierung und Stabilisierung politischer AutoritĂ€t; nicht jeder darf ihn aber interpretieren. Ein Beispiel dafĂŒr ist der in der Ăkonomie weit verbreitete marktwirtschaftliche Mythos von der »unsichtbaren Hand«. Das 20. Jahrhundert als ein Zeitalter der Katastrophenerfahrungen brachte eine Inflation der Mythenproduktion mit sich, denn in Krisenphasen sind der Drang nach politischer Mobilisierung und das BedĂŒrfnis nach Trost und Sinngebung besonders groĂ.
Personenmythen sind nicht auf autoritĂ€re, diktatorische Systeme beschrĂ€nkt: Auch in modernen Republiken wurden FĂŒhrerfiguren charismatisiert wie z. B. AtatĂŒrk. FĂŒr Thorstein Veblen ist der infantile BegierdeĂŒberschuss Ursache der Heldenverehrung und vieler Mythen; darin spiegelt sich die FrĂŒhzeit eines ĂŒberwiegend rĂ€uberischen Wirtschaftssystems; aber die Mythen des Kapitalismus und ihre Heroen sind Veblen zufolge TĂ€uschungen und Illusionen (make-believe).
In pluralistischen Gesellschaften werden oft extrem gegensĂ€tzliche Strömungen mit ihren jeweiligen Helden mythisiert, wie z. B. in den USA die untergegangene SĂŒdstaatenkultur (Johnny Reb) und der Mythos der Sklavenbefreier (Billy Yank). Auch sozial geĂ€chtete Subkulturen mitsamt ihren Helden und deren Gegenspielern werden Gegenstand von Mythen (so Al Capone oder Eliot Ness und die Gruppe der Unbestechlichen). Gerade die USA sind ein Hort der unerschöpflichen Produktion von Helden- und Sozialmythen â teils in extremer metaphorischer VerkĂŒrzung â geworden: von George Washington, âder nie logâ, bis zum Melting Pot und zum TellerwĂ€scher, der es bis zum MillionĂ€r brachte. Ist heute einerseits die Technik selbst zum Mythos geworden, so haben auf der anderen Seite die Informationstechnologien die Entstehungs- und Funktionsweisen von modernen Mythen grundlegend verĂ€ndert. Diese erwachsen heute aus einem kommunikativen Prozess, in dem Produzenten und Rezipienten interagieren. So entsteht eine Nachfrage nach immer neuen Mythen und ein Markt fĂŒr kommerziell produzierte Kunstmythen, im Zuge der Globalisierung vor allem fĂŒr transnationale, kulturunabhĂ€ngig rezipierbare Mythen (z. B. Star Wars).
Mythos und Religionswissenschaft
Rudolf Bultmann untersucht das Christentum auf die im Neuen Testament enthaltenen, bei wörtlicher Auslegung primitiv erscheinenden ErklĂ€rungsmodelle und in der Welt wirkenden KrĂ€fte (z. B. âSatanâ). Er fordert dazu auf, diese Modelle symbolisch zu lesen, und unterscheidet zwischen Demythologisierung und Entmythisierung. WĂ€hrend die Letztere in dem Versuch besteht, einen wissenschaftlich belegbaren Kern fĂŒr die Mythen zu finden und den Rest des Mythos zu verwerfen, ist das Resultat der Demythologisierung der symbolische Bedeutungskern des Mythos, den es herauszuschĂ€len gilt. Ein so verstandener Mythos handelt nicht von der Welt selbst, sondern vom menschlichen Erleben der Welt. Der Mythos spricht aus, âwie sich der Mensch selbst in seiner Welt verstehtâ;cite-ref-114[114] er will anthropologisch, nicht kosmologisch interpretiert werden. Das Neue Testament handelt dieser Interpretation zufolge von dem EntfremdungsgefĂŒhl der Menschen, die Gott noch nicht gefunden haben, und dem GefĂŒhl der Einheit mit der Welt derer, die ihn gefunden haben. Um Mythen akzeptieren zu können, muss man also weiter an Gott glauben â so die Kritik von Segal.cite-ref-115[115]
In Ă€hnlicher Weise demythologisiert Hans Jonas die Gnosis und reduziert sie auf die Tatsache der Entfremdung der Menschen. FĂŒr diese Verteidigung der gnostischen Mythologie muss er sie jedoch âentmythisierenâ, indem er alle der modernen Wissenschaft widersprechenden Bestandteile opfert. WĂ€hrend fĂŒr viele Mythentheoretiker â allen voran Tylor â die Wirkung des Mythos darin bestand, dass er wörtlich genommen wurde, gehen die modernen Religionswissenschaften im Gegenteil davon aus, dass ihre Wirkung (auf moderne Christen) erst durch symbolisches Lesen bzw. allegorische Deutung entsteht. Dass diese von der Religionswissenschaft vorgeschlagene Lesart der Mythen auch die der frĂŒheren Völker war, ist mehr als zweifelhaft.cite-ref-116[116]
Auch fĂŒr Mircea Eliade sind Mythen nicht symbolisch zu lesen. Es handelt sich aber fĂŒr ihn anders als fĂŒr die angelsĂ€chsische Schule der Sozialanthropologie und Ethnologie nicht um ErklĂ€rungen der ewigen Wiederkehr der PhĂ€nomene, sondern um Ursprungs- und GrĂŒndungsmythen, die ein zusammenhĂ€ngendes System von Aussagen ĂŒber letzte Wirklichkeiten â also ein metaphysisches System â ausdrĂŒcken.cite-ref-117[117] Der Mythos sei die ârituelle Rezitation des kosmogonischen Mythos die Reaktualisierung des primordialen Ereignissesâ,cite-ref-118[118] durch welche der Mensch an den Beginn der Welt zurĂŒckprojiziert und mit den Göttern vereint werde. Diese Vereinigung mache die post-paradiesische Trennung rĂŒckgĂ€ngig. Der âNutzenâ des Mythos bestehe in der Begegnung mit dem Göttlichen. Diese kann die Wissenschaft nicht leisten, und daher brauche der moderne Mensch den Mythos, auch wenn er sich nicht mit Göttern, sondern mit profanen Helden identifizieren möchte.cite-ref-119[119] Letzten Endes habe also gar keine SĂ€kularisierung stattgefunden: Selbst das Kino bietet dem modernen Menschen heute die Möglichkeit, âaus der Zeit herauszutretenâ.cite-ref-120[120] Allerdings bleibt die Frage, ob sich hierbei der Mensch wirklich in der Zeit zurĂŒckversetzt fĂŒhlt oder sich die Vergangenheit nur vorstellt â letztlich eine offene psychologische Frage.
Witzel postuliert, dass sich die Idee des göttlichen Ursprungs des Himmels, der Erde und des Menschen nicht durch Diffusion verbreitet habe. Letzten Endes seien alle Hochreligionen auf diese Idee zurĂŒckzufĂŒhren, die dem von ihm so bezeichneten spĂ€tpalĂ€olithischen laurasischen Mythenkomplex angehöre, der sich mit der Ausbreitung des modernen Menschen lokal verzweigt habe. Dieser enthĂ€lt die Elemente der Schöpfung, des Todes und der Wiedergeburt (der Tiere wie auch der Menschen), stellt also eine Metapher des menschlichen Lebenszyklus dar. Im Neolithikum sei dieser Gedanke zur Idee der Abstammung von der Sonne weiterentwickelt worden; Tieropfer und schamanistische Rituale seien durch Verehrung von Pflanzen und die Idee der Wiedergeburt der Erde im FrĂŒhling â spĂ€ter durch anthropomorphe Vegetationsgötter wie Osiris und Adonis â ersetzt worden. Zugleich schlossen die Eliten in der Zeit der frĂŒhen Staatenbildung die unteren Klassen oder Kasten vom Privileg göttlicher Abstammung aus, so in Ăgypten, Indien, China, Japan und bei den Inka und Azteken, wobei es jedoch zu WidersprĂŒchen und inneren Konflikten in der Konstruktion der Mythen kam.cite-ref-121[121] Unter Einfluss des monotheistischen Zoroastrismus mit seinem Dualismus von Gut und Böse sei die Idee einer âautomatischenâ Wiedergeburt verloren gegangen. Das palĂ€olithische Element des Tieropfers habe sich jedoch bis heute teils in symbolischer Form erhalten (âLamm Gottesâ). Der Islam stelle die modernste und abstrakteste Variante der Hochreligionen dar, aber noch das Opferfest knĂŒpfe an die steinzeitliche Tradition an.cite-ref-122[122]
Mythos und Literaturwissenschaft
In Verbindung mit dem Ritual kann der Mythos als ein magischer oder religiöser (Gebrauchs-)Text verstanden werden. Er wird nach Auffassung vieler Wissenschaftler erst dann zur Literatur, also zum autonomen Text, wenn er vom Ritual getrennt wird. Bezeichnenderweise haben die antiken âheidnischenâ Mythen oft ohne die mit ihr verknĂŒpften religiösen Vorstellungen und Rituale ĂŒberlebt, was fĂŒr die alttestamentlichen Mythen nicht gilt: Deren Kenntnis ist heute weitgehend auf den Kreis der AnhĂ€nger der christlichen Religionen beschrĂ€nkt.cite-ref-123[123] Auch die meisten der nur in literarischer Form (als Skaldendichtung) ĂŒberlieferten, zur Zeit der Aufzeichnung teils schon vom Christentum beeinflussten nordischen Mythen bereiten dem heutigen Leser groĂe VerstĂ€ndnisprobleme. Allerdings liegt dies weniger an der (heute fast vollstĂ€ndigen) Unkenntnis der mit diesen Mythen ursprĂŒnglich verbundenen magisch-schamanistischen oder religiösen Vorstellungen und Ritualen, sondern an der manierierten, technisch extrem anspruchsvollen und von rĂ€tselhaften Umschreibungen (Kenningar) durchsetzten poetischen Form der Dichtung, die zum Vortrag vor Königen und Adligen bestimmt war. Eine Trennung der ursprĂŒnglichen Mythen von der literarischen Erfindung ist kaum möglich.cite-ref-124[124]
Der Ursprung von Tragödie und Heldenepos im Ritual
Britische Anthropologen und Altphilologen haben vielfach versucht, die Entstehung von mythischen ErzĂ€hlungen aus sinnentleerten oder abgestorbenen Ritualen abzuleiten. Der Amateuranthropologe FitzRoy Somerset (1885â1964), der vierte Baron Raglan, genannt Lord Raglan, untersuchte insbesondere den Ursprung von Heldenmythen. Diese haben seiner Meinung nach ihren Ursprung nicht in der Historie, sondern in Ritualen, die nicht mehr ausgeĂŒbt und nicht mehr verstanden werden. ZurĂŒck bleiben idealisierte Heldengestalten mit einer idealen Biographie.cite-ref-125[125] Aus einer Vielzahl von Heldengeschichten filtert Lord Raglan aus 21 Epen bzw. Mythen 22 Lebensabschnitte bzw. CharakterzĂŒge heraus. Das Muster des Heldenlebens stellt der König als exemplarischen mythischen Retter dar, der als Vorbild fĂŒr die realen FĂŒhrungspersönlichkeiten dienen soll und sich fĂŒr sein Volk opfert oder vom Thron vertrieben wird. In dieses Muster passen z. B. Ădipus oder König Saul. Obwohl Lord Raglan auch Jesus in dieser Reihe sah, âvergaĂâ er ihn in seinem Buch, um Konflikte mit dem Verleger zu vermeiden.
RenĂ© Girard knĂŒpft explizit an Frazers Szenario des Mythisch-Rituellen und implizit an Lord Raglan an, ohne diesen direkt zu zitieren. FĂŒr ihn sind alle Mythen Berichte ĂŒber Verfolgungen, die aus der Perspektive des Verfolgers erzĂ€hlt werden. Ausgangspunkt ist jeweils eine soziale Krise, gefolgt von Anschuldigen wegen unerhörter Verbrechen, die die soziale Ordnung erschĂŒttern, wobei die Beschuldigten physisch oder sozial aus dem Rahmen fallen oder ĂŒbernatĂŒrliche FĂ€higkeiten aufweisen. So hat sich das angebliche Findelkind Ădipus mit dem lahmen FuĂ des Vatermords und Inzests schuldig gemacht, ihm wird vorgeworfen, damit den Zorn der Götter in Form der Pest in Theben heraufbeschworen zu haben. Mythen berichten, wie das Volk seinen Helden in einem Ausbruch kollektiver Gewalt verbannt oder gar tötet, weil es in ihm den Urheber seines Elends sieht. Die Gewaltanwendungen weisen immer die gleiche Polarisierung auf: alle-gegen-alle, alle-gegen-einen und Bruder-gegen-Bruder. In einer spĂ€teren Phase kann der Verbrecher wieder zum WohltĂ€ter oder Helden bzw. dem Opfer göttliche Verehrung zuteilwerden.cite-ref-126[126]
FĂŒr Frazer hingegen ist der Vorgang der Tötung des Pflanzengottes (oder eines nicht mehr fruchtbaren Königs) ein Fruchtbarkeitsritual; dieses erfĂŒllt einen rein landwirtschaftlichen Zweck und ist nicht von HassausbrĂŒchen begleitet. Entsprechend muss der König oder Gott ersetzt oder verjĂŒngt werden.cite-ref-127[127] Der Dramentheoretiker Francis Fergusson sieht hierin eine Wurzel des Dramas, in dem es im Kern um Leiden und Erlösung gehe, wenn auch dabei nicht die Opferung des Königs durch das Volk, sondern seine Selbstaufopferung im Vordergrund stehe. FĂŒr ihn steht der König des shakespeareschen Dramas sinnbildlich fĂŒr Gott.cite-ref-128[128]
WĂ€hrend Walter Burkert die Gemeinsamkeiten von Mythos, Sage und MĂ€rchen als traditionelle ĂŒberindividuelle ErzĂ€hlformen betont (wobei Mythen echte Eigennamen verwenden), grenzt AndrĂ© Jolles den Mythos von anderen einfachen ErzĂ€hlformen wie Sagen und MĂ€rchen nicht durch ihnen zugrunde liegende narrative Muster, sondern durch je unterschiedliche Haltungen zur Welt ab, die von ihnen verkörpert werden: Die Sage baut sich die Welt als Familie und deutet sie ânach dem Begriff des Stammes, des Stammbaums, der Blutsverwandtschaftâ. Das MĂ€rchen ist bestimmt durch eine Ethik, die âauf die Frage (antwortet): âwie muss es in der Welt zugehen?ââ; der Mythos hingegen ist durch forschendes Fragen gekennzeichnet.cite-ref-129[129] Insofern könnte man von einer eher anthropologischen als literaturwissenschaftlichen BegrĂŒndung des Mythos sprechen.
Der kanadische Literaturtheoretiker Northrop Frye sieht im Mythos die Wurzel auch anderer literarischer Gattungen, insbesondere solcher, die sich mit dem Lebenszyklus eines Helden (Geburt und Erwachen, Triumph, Isolation und ĂberwĂ€ltigung) befassen, den Frye mit dem Zyklus der vier Jahreszeiten, dem tĂ€glichen Zyklus der Sonne und dem Zyklus von Traum und Erwachen in Verbindung bringt. Die Komödie assoziiert Frye beispielsweise mit dem FrĂŒhling, die Tragödie mit dem Herbst.cite-ref-130[130]
Gilbert Murray, der Nietzsches Theorie des Dionysischen weiterentwickelt, sieht den Ursprung der Tragödie in Mythos und Ritual von Leiden, Tod und Wiederauferstehung des Jahresgeistes oder -dÀmon, einem heiligen dionysischen Tanz, der durch die Elemente Wettkampf, Niederlage, Epiphanie gekennzeichnet ist, zu dem spÀter die Klage und der Bericht des Boten hinzutreten. Dieser Position haben sich bis heute viele Wissenschaftler angeschlossen.cite-ref-131[131]
FĂŒr Kenneth Burke sind Mythen in ErzĂ€hlungen verwandelte Metaphysik. Sie drĂŒcken symbolisch etwas aus, das Menschen frĂŒherer Kulturen nicht wörtlich ausdrĂŒcken konnten. So stehen fĂŒr ihn die sechs Tage der Schöpfung fĂŒr einen Versuch, die Welt in sechs Kategorien zu unterteilen.cite-ref-132[132]
Die postmoderne Reduzierung des Mythos auf eine reine ErzÀhlung und seine Abtrennung vom Ritual kommen aus Sicht dieser AnsÀtze einer Trivialisierung des Mythos gleich.
Rosario Assunto sieht, dass sich seit der Romantik und seit Dostojewski der Prozess der Trennung der Literatur vom Mythos und Ritual wieder umkehrt. Mit Ausnahme des Realismus und des Naturalismus vollziehe sich seither die RĂŒckwandlung des Nur-Ăsthetischen und Schöngeistigen in den Mythos. Je mehr sich die Philosophie im 20. Jahrhundert auf Logik und Sprachphilosophie zurĂŒckgezogen und eine Welt ohne Mythen geschaffen habe, ĂŒbernehme die Literatur die Aufgabe der Philosophie und fĂŒlle diese Leerstelle; sie wende sich von der reinen Schau ab und werde wieder zum BedeutungstrĂ€ger. SchauplĂ€tze werden zu Sinnbildern, die Literatur steige zum ungeformten Unbewussten hinab und bringe es zum Bewusstsein.cite-ref-133[133] Ăhnlich urteilt Cesare Pavese die Rolle der Literatur: Sie gebe dem Mythos eine Form, ohne sĂŒchtig nach dem Unbewusstein zu werden.cite-ref-134[134]
Julia Kristeva beschreibt den Ăbertritt des Mythos von einer vorsprachlich-semiotischen Phase in eine sprachlich-symbolische, in der zwar sprachliche Regeln bewusst eingehalten werden, sich Unbewusstes jedoch weiterhin manifestiert und so dem Subjekt innerhalb sprachlicher Fixierungen einen gewissen Raum der Ausdrucksfreiheit lĂ€sst.cite-ref-135[135]
Mythen in der Literatur
Francis Fergusson unterscheidet zwischen der Literatur, die nach dem Vorbild von Mythen konstruiert ist (z. B. Die Verwandlung von Kafka), Werken, die selbst mythische QualitĂ€t erreichen (wie z. B. Moby-Dick von Herman Melville oder die StĂŒcke von Federico GarcĂa Lorca), und Werke, die vergangene Mythen thematisieren.cite-ref-136[136]
FĂŒr die europĂ€ische Kultur waren die griechisch-römischen Mythen stets von besonderer Bedeutung. Seit Homers Ilias und Odyssee und Hesiods Theogonie wurden sie zum Stoff der Dichtung und Gegenstand der kĂŒnstlerischen Elaboration. Kallimachos von Kyrene sammelte um 270 v. Chr. GrĂŒndungsmythen und stellte sie in seinem Werk Aitia zusammen. In römischer Zeit sammelte Ovid Verwandlungsmythen in seinen Metamorphosen. WĂ€hrend die antiken Mythen eng mit Naturerscheinungen verbunden und dem Diesseits zugewandt waren, wurden sie von den KirchenvĂ€tern eher als moralische LehrstĂŒcke aus christlich-kritischer Perspektive verstanden. In spĂ€terer christlicher Zeit entstanden neue, weltabgewandte und naturfeindliche Mythen, in denen sich der ethische Dualismus und ewige Kampf zwischen Gut und Böse, Gott und Satan spiegelte.
Petrarca, Dante, Chaucer, Shakespeare, Milton und viele andere bedienten sich in ihren Werken wieder der antiken Mythen, die ihnen zahlreiche literarische Motive lieferten. Die aristotelische Auffassung, dass die Tragödie von âbesseren Menschenâ handeln solle, fĂŒhrte seit dem 17. Jahrhundert zur sogenannten StĂ€ndeklausel, die den Mythos einer aristokratischen Welt von Göttern und Adligen vorbehielt und die BĂŒrgerlichen ausschloss. Als AbschwĂ€chung dieser einstmals brisanten Abgrenzung erklĂ€rt sich die Auffassung, dass der Mythos von Göttern handle und die Sage von Menschen (obwohl Ădipus zum Beispiel ein FĂŒrst und kein Gott ist).
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde die antike Mythologie im Zuge der Ăberwindung der aristokratischen klassischen französischen Tragödie von mittelalterlichen und exotischen Stoffen abgelöst, die ihrerseits mythischen Stellenwert bekamen. Die Weimarer Klassik versuchte dagegen, die antiken Stoffe zu verbĂŒrgerlichen und auf diese Weise am Leben zu halten. Antike Mythen kamen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wieder auf; zahlreiche Werke von Jean Giraudoux, Albert Camus, Jean Anouilh, Jean-Paul Sartre oder Eugene OâNeill nehmen oft schon im Titel Bezug darauf.
Beispiele fĂŒr in der Neuzeit entstandene Mythen, die sich in zahlreichen Varianten finden, sind der Fauststoff oder das Motiv des Frauenhelden Don Juan. Auf antike Vorbilder zurĂŒckfĂŒhren lassen sich dagegen der Pygmalion-Stoff oder Romeo und Julia. Ein Produkt der frĂŒhen AufklĂ€rung ist die Figur des Edlen Wilden, ein Versuch der Aufwertung kolonialisierter Völker, der jedoch z. T. mit kannibalistischen und erotischen Elementen vermengt wurde. Auch moderne literarische Mythen wie Star Wars folgen dem typischen Lebenslauf antiker Heroen und verwenden Elemente der klassischen Mythen wie das Labyrinth, den weisen Ratgeber oder den âWĂ€chter der Schwelleâ.cite-ref-137[137] Ein anderes Beispiel ist der von H. P. Lovecraft geschaffene Cthulhu-Mythos, der mit solchen VersatzstĂŒcken spielt, und nachfolgend selber so zitiert und verwendet wird,cite-ref-138[138]cite-ref-139[139] oder die von J. R. R. Tolkien entworfene Welt von Mittelerde.cite-ref-140[140]
Stoffwissenschaftliche Mythosforschung und Rekonstruktion von Mythen
Hauptartikel: Hylistik
Im Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen AnsĂ€tzen, die vor allem die (gesellschaftliche) Funktion von Mythen in den Blick nehmen, betrachtet die stoffwissenschaftliche Mythosforschung den Mythos und seine Natur aus sich selbst heraus. Mythen sind keine Texte, sondern ErzĂ€hlstoffe, die in verschiedenen Medien (etwa Epen, Hymnen, HandbĂŒchern, Filmen, TĂ€nzen etc.) eine Verarbeitung erfahren können.cite-ref-141[141] Im Rahmen der Göttinger Mythosforschung wurde von Annette und Christian Zgoll die Methode der Hylistik (Stoffwissenschaft) entwickelt, um mythische Stoffe aus ihren jeweiligen Medien zu extrahieren und transmedial zu vergleichen.cite-ref-142[142] Hierbei wird der Inhalt des Mediums in die kleinsten möglichen Handlungsbausteine (Hyleme) zerlegt und diese in normierter Form aufgelistet (sog. Hylemanalyse).cite-ref-143[143]cite-ref-144[144] Inhaltliche Inkonsistenzen können dabei auf Stratifizierung hinweisen, d. h. die Ăberlagerung mehrerer Stoffe, Stoffvarianten und Editionsschichten innerhalb derselben medialen Konkretion.cite-ref-145[145] Zu einem gewissen Grad können hiermit auch frĂŒhere und alternative Varianten desselben Stoffes rekonstruiert werden, die in Konkurrenz zueinander standen und/oder miteinander kombiniert wurden.cite-ref-146[146] Die GegenĂŒberstellung von Hylemsequenzen ermöglicht den systematischen Vergleich verschiedener Varianten desselben Stoffes oder mehrerer unterschiedlicher Stoffe, die in Verwandtschaft oder struktureller Ăhnlichkeit zueinander stehen.cite-ref-147[147] In seiner Gesamtdarstellung zur hundertjĂ€hrigen Geschichte der Mythosforschung erwĂ€hnt der klassische Philologe und Mythenforscher Udo Reinhardt Christian Zgolls Grundlagenwerk Tractatus mythologicus als âdas neueste Handbuch zur Mythostheorieâ mit einer âherausragenden Bedeutungâ fĂŒr die moderne Mythosforschung.cite-ref-148[148]
Typen und Funktionen von Mythen
Als ErzĂ€hlung, die eine âordnende Beschreibungâ der Weltcite-ref-149[149] liefert, betrachtet, lassen sich verschiedene Typen oder Funktionen von Mythen unterscheiden:
⹠Schöpfungsmythen:
âą Kosmogonische und kosmologische Mythen erzĂ€hlen von der Entstehung bzw. Schöpfung der Welt und erklĂ€ren ihren Aufbau und ihren Lauf (siehe z. B. Afrikanische Kosmogonie, indoeuropĂ€ischer Schöpfungsmythos, hawaiianischer Mythos Kumulipo). In vielen solcher Mythen spielen das Urchaos, das Urmeer oder ein daraus erwachsener UrhĂŒgel, ein Urei oder Urtier eine Rolle, z. B. die nĂ€hrende Kuh in den indoiranischen oder altnordischen Mythen (die nordische Urkuh Audhumla entsteht aus geschmolzenem Eis), die Schildkröte, die den Kosmos trĂ€gt, oder der Drache als Verkörperung des Chaos. Oft stehen am Anfang der Entstehung der Welt auch Gegensatzpaare wie WĂ€rme und KĂ€lte oder ein Zwillingspaar.
âą Anthropogonien berichten von der Entstehung der Menschen, wie z. B. der altnordische Mythos von Ask und Embla, das indische Rigveda oder der Ă€gyptische Mythos von der Erschaffung des Menschen aus den TrĂ€nen des Sonnengotts Re. In der Ă€lteren der beiden Anthropogenien der Genesis wird Adam aus Erde und Eva aus seiner Rippe erschaffen. Der Maya-Ăberlieferung zufolge ist der Mensch aus Mais geknetet worden.
⹠Theogonien erzÀhlen von der Entstehung und dem Schicksal der Götter, so etwa Hesiods Theogonie und die Orphische Theogonie.cite-ref-150[150]
âą GrĂŒndungsmythen fĂŒhren die Erbauung eines Heiligtums oder einer Stadt oder die Ethnogenese eines Volkes oder Stammes (âEthnogonieâ) auf Götter, UrvĂ€ter oder Helden zurĂŒck.
âą Ursprungsmythen (auch genealogische Mythen, Herkunftsmythen oder origines gentium) sollen die Bedeutung von Herrscherdynastien oder ganzen Völkern durch fiktive Abstammungsketten erhöhen. So fĂŒhrt der japanische TennĆ seine Herkunft auf den Sonnen- und den Drachengott zurĂŒck.
âą Genealogische oder Charter-Mythen (ein von Malinowski geprĂ€gter Begriff) legitimieren bestimmte Abstammungslinien und BesitzansprĂŒche; sie sind oft mit Ursprungsmythen verbunden wie etwa das hawaiianische Kumulipo. Das islĂ€ndische LandnĂĄmabĂłk und das ĂslendingabĂłk postuliert beispielsweise die Abstammung der nordischen Könige von den Trojanern.
âą Soziogonien erklĂ€ren die Unterteilung der Gesellschaft in verschiedene Klassen und Schichten und sind fĂŒr diese identitĂ€tsbestimmend. Oft leiten sie sich aus Theogonien her, wie das altgermanische Lied RĂgsĂŸula. Eine typische Soziogonie enthĂ€lt auch das Purushasukta im 10. Buch des Rigveda. Dort wird beschrieben, wie die verschiedenen indischen Kasten wĂ€hrend eines Opfers aus dem Urriesen Purusha entstanden. Aus dessen Kopf wurden dabei die Brahmanen, aus den Armen die Kshatriya, aus den Schenkeln wurden die Vaishya und aus den FĂŒĂen die Shudra.
âą Geschichtsmythen dienen oft der Ableitung einer oft nur vorgestellten, nicht real erfahrenen nationalen Gemeinschaft oder IdentitĂ€t. Beispiele sind das Deuteronomium, welches den Ursprung des jĂŒdischen Staates erklĂ€rt, der Tellmythos oder die Geschichte von Pocahontas, die als assimilationswillige Indigene dargestellt wird, was eine friedliche Unterwerfung der âwildenâ Indigenen unter die englischen Siedler suggeriert.cite-ref-151[151] Sie sind VorlĂ€ufer der modernen politischen Mythen, die fast nahtlos an sie anschlieĂen. So diente der Bogomilen-Mythos sowohl in Ăsterreich-Ungarn nach 1900 als auch im modernen Jugoslawien um 1970 dazu, eine direkte ethnische KontinuitĂ€t vom bogomilischen Adel des Mittelalters zur modernen bosnisch-muslimischen Elite herleiten zu können, ohne auf das IdentitĂ€tskriterium des muslimischen Glaubens zurĂŒckgreifen zu mĂŒssen.cite-ref-152[152]
âą Heldenmythen handeln von Menschen mit ĂŒbermenschlicher Kraft oder Halbgöttern, die nach groĂen Zielen streben, die das normal-menschliche Vermögen ĂŒbersteigen. Ihre Schöpferkraft und KreativitĂ€t versiegen nie (wie die des Odysseus); mit ihren Taten werden sie anderen ein Vorbild. Oft werden sie wegen ihrer Taten vergöttlicht (Herakles, Indra). In den Heldensagen des Mittelalters sind Mythos und Geschichte eng verwoben (z. B. Attila, König Artus); oft ist ein historischer Kern erkennbar. Moderne Heldenmythen dienen oft autoritĂ€ren oder totalitĂ€ren Regimes als Motivationsmittel.
âą Ătiologische Mythen erklĂ€ren besondere erklĂ€rungsbedĂŒrftige Erscheinungen in der Welt. Eine Unterkategorie bilden die Naturmythen, die unerklĂ€rliche NaturphĂ€nomene begreiflich machen sollen, so vor allem das Erwachen und Sterben der Natur im Ablauf der Jahreszeiten, aber z. B. auch den Zug der Lemminge.cite-ref-153[153] So erklĂ€rt der Mythos von Narziss den Ursprung der Narzisse, aber auch des krankhaften Narzissmus. Die in Griechenland wachsenden weiĂen Narzissen (griech. ΜαÏÎșÎŹÏ, narkĂĄo, âich werde taubâ) verströmen einen betĂ€ubenden Duft, und der Mythos zeigt bildhaft die lĂ€hmende Wirkung ĂŒbersteigender Selbstliebe.cite-ref-154[154]
âą Soteriologische Mythen erzĂ€hlen vom Kommen eines Retters oder Erlösers, der der Welt das Heil bringen soll. Oft sind sie mit moralischen Konzepten wie SĂŒnde, BuĂe und Vergebung verbunden.cite-ref-155[155]
âą Mythen, die von Kulturheroen wie Prometheus, Maui oder Huangdi (dem Gelben Kaiser) berichten, schildern die Erfindung oder Ăbermittlung wichtiger Kulturtechniken, die oft den Göttern gestohlen werden. Sie sind verwandt mit Schelmen- oder Trickster-Mythen, die von kreativen Menschen oder Halbgöttern berichten, die zu verblĂŒffenden Schöpfungsakten fĂ€hig sind. In vielen FĂ€llen sind die Kulturbringer auch Agrargötter und Totengötter in einer Person, was auf den dauernden Austausch zwischen beiden Bereichen verweist.cite-ref-156[156] Oft haben die Kulturheroen multiple Funktionen. So wurden dem Gelben Kaiser im Laufe der Zeit eine groĂe Anzahl an kulturellen Hinterlassenschaften sowie die Schöpfung religiösen und esoterischen Wissens zugeschrieben. An der Schwelle zur Neuzeit entwirft Francis Bacon im Kapitel XI seines Buches The Wisdom of the Ancients, das den Titel Orpheus, or Philosophy. Explained of Natural and Moral Philosophy trĂ€gt, einen neuen Orpheus-Mythos, in dem der Held als Metapher fĂŒr eine Philosophie stehen, die sich â von ihren traditionellen Aufgaben ĂŒberfordert â nicht darauf beschrĂ€nkt, die göttliche Harmonie in der Welt zu suchen, sondern sich den menschlichen Werken zuwendet, den Menschen die Tugend lehrt, sie anleitet, HĂ€user zu bauen und ihre Felder zu bestellen, also die Welt (und die neuen britischen Kolonien) aktiv zu gestalten.cite-ref-157[157] Der bereits erwĂ€hnte Pocahontas-Mythos sieht in der HĂ€uptlingstochter auch eine Kulturbringerin, die den ersten amerikanischen Boom mit entfacht: Er imaginiert sie als Urtyp der virginischen Tabakpflanzersfrau.
âą Erotische Mythen wie der der Wasserfrau Undine, ursprĂŒnglich ein Naturgeist, oder der des Erotomanen Ritter Blaubart, ursprĂŒnglich wohl ein Drachenmythos, werden bis in die Gegenwart immer wieder fort- oder umgeschrieben. Die weiblichen Hauptfiguren dieser Mythen dienen oft als ProjektionsflĂ€che mĂ€nnlicher Wunschvorstellungen, zerstören diese oft und unerwarteterweise. Auch kannibalistische und inzestuöse Motive sowie Mischwesen spielen dabei eine Rolle. HĂ€ufig verbirgt sich dahinter eine Geschichte gewaltsamer Eroberungen und Kolonisierungen. Auch in diese Kategorie lĂ€sst sich der multifunktionale Pocahontas-Mythos einreihen, erzĂ€hlt er doch die Geschichte von der Belle Sauvage (der schönen Wilden) und dem White Hero.cite-ref-158[158] Bisweilen wird der Kampf der Geschlechter mit drastischen Mitteln ausgefochten wie in den Mythen der brasilianischen Indigenen.cite-ref-159[159] In der chinesischen Mythologie existiert ebenfalls eine Dark Lady, die als Göttin der Langlebigkeit und SexualitĂ€t verehrte Xuannu, die in Kleidern aus Eisvogelfedern erscheint und auf einem Fenghuang reitet, ein Vogel, der wie der Phönix der griechischen Mythologie mit Feuer aussoziiert ist. Zahlreiche erotische Mythen sind aus Indien bekannt, so die um den ekstatischen Gott Indra.
âą Eschatologische Mythen erzĂ€hlen von den âLetzten Dingenâ (eschata), die am Ende der Zeit oder nach dem Tod geschehen werden. âEschatologischâ ist vor allem die Feststellung eines Bruchs, der so tief ist, dass das an seinem Ende stehende Neue nicht mehr als die Fortsetzung des Bisherigen verstanden werden kann.
⹠Antimythencite-ref-160[160] oder Zerstörungsmythen. WÀhrend die Schöpfungsmythen die Existenz des Menschen in der Welt erklÀren sollen, versucht der Antimythos, alles was dessen Existenz bedrÀngt oder in Frage stellt, zu bannen bzw. rational zu erklÀren.
Die Bibel und andere schriftlich fixierte Mythensammlungen
GroĂe Teile der Bibel, der traditionellen Gegenwelt zum antik-heidnischen âMythosâ, können als Mythensammlung betrachtet werden. Diese These von David Friedrich StrauĂ bedeutete 1836 noch eine groĂe Provokation. Die Genesis des Pentateuch enthĂ€lt in diesem Sinne mythische ErzĂ€hlungen wie zum Beispiel ĂŒber die Erschaffung der Welt in sieben Tagen und ĂŒber den Garten Eden. Es fehlen jedoch bestimmte fĂŒr andere Schöpfungs- und GrĂŒndungsmythen typische Aspekte. So ist aufgrund der monotheistischen Perspektive keine Rede von Konflikten innerhalb eines polytheistischen Pantheons; die Konflikte zwischen Gott und der Menschheit entstehen allein aus deren sĂŒndigem Charakter. WĂ€hrend etwa die Sintflut in der babylonischen Vorlage der biblischen ErzĂ€hlung (im Atraáž«asis-Epos) durch einen Konflikt zwischen verschiedenen Gottheiten motiviert und nur zufĂ€llig durch das lĂ€stige LĂ€rmen der Menschen ausgelöst erscheint, muss die Bibel andere Schuldige dafĂŒr finden: Die allgemeine Schlechtigkeit der Menschen dient der Motivierung der Flut, was allerdings ebenfalls als ungenĂŒgende BegrĂŒndung der schweren Strafe erscheint.cite-ref-161[161]
Auch fehlen die Vorstellungen eines göttlichen Zeugungsakts, der Erschaffung der Welt als Sieg eines Demiurgen ĂŒber dĂ€monische KrĂ€fte oder ein das Chaos personifizierendes Ungeheuer. Das verweist darauf, dass die uns bekannte Fassung der Genesis bereits durch einen Prozess der Entmystifizierung hindurch gegangen ist. SchlieĂlich ist auch eine Verbindung zu den in anderen Kulten zu wiederholenden Zyklen der Natur nicht vorhanden,cite-ref-162[162] was die Genesis zum groĂen Teil als relativ spĂ€tes, rational motiviertes und komponiertes Werk ausweist.
Die aus der Genesis vermutlich eliminierten Motive gibt es in den Mythen vieler unterschiedlicher Kulturen: Es handelt sich um sogenannte Mythologeme wie der mÀnnliche Ursprung des Lebens,cite-ref-163[163] das Urkind, das Urei, der Kindermord und weitere.
Zu den Mythen-Niederschriften, die nicht auf die griechisch-römische Tradition zurĂŒckgehen, gehören u. a.:
âą der Osirismythos
⹠das Atraឫasis-Epos
âą das Gilgamesch-Epos
âą das Keret-Epos und andere ugaritische Mythen
âą die Urgeschichte im Ersten Buch Mose 1â11
⹠der mittelpersische Schöpfungsmythos Bundahischn
âą der Mythos vom weisen Achiqar
âą die Aitareya Upanishad
âą die Mythen des Avesta
âą das Buch der Geheimnisse von Henoch
⹠der Schöpfungsmythos der Maya im Popol Vuh
âą der von Paul Rabin dokumentierte Trickstermythos der Winnebago âDer göttliche Schelmâ
âą der Finn-Zyklus und der Ulster-Zyklus der Inselkelten mit ihren teils mythischen, teils sagenhaften Elementen
Viele dieser Mythen, etwa das Gilgamesch-Epos oder die Ragnarök, beinhalten nicht nur Vorstellungen zur Entstehung der Welt, sondern auch apokalyptische Darstellungen; sie projizieren ein Bild der Zerstörung der Welt in der Zukunft.
Verbreitung von Mythen
Die Erforschung der Entstehung, Verbreitung und Wanderung von Mythen ist Gegenstand einer vergleichenden Mythenforschung, die teils aus sprachwissenschaftlicher Sicht, teils im Rahmen der âStrukturalen Mythenanalyseâ im Anschluss an Claude Levi-Strauss erfolgt. Wissenschaftler, die vergleichende Mythenforschung betreiben, haben sich in der International Association for Comparative Mythology (IACM) zusammengeschlossen, die ihre Kongresse seit 2007 abhĂ€lt.cite-ref-164[164] Auf dem 11. Kongress in Edinburgh wurden z. B. mythische Jenseitsvorstellungen (Otherworld) der indoeuropĂ€ischen und semitischen Völker sowie aus Japan und Lateinamerika diskutiert.
Kulturdiffusionisten wie Hermann Baumann gingen von der Entstehung eines âWeltmythosâ in den VorlĂ€ufergemeinschaften der Hochkulturen zwischen Nil und Indus aus, der sich seit etwa 3000 v. Chr. in Wellen bis nach China und in Teilen Afrikas und Amerika verbreitete. Zum Inventar dieser Mythen zĂ€hlen der Sonnengott, die göttlichen Zwillinge, das Weltei.
Schon Georges DumĂ©zil, der als erster die Mythen der IndoeuropĂ€er historisch-vergleichend betrachtete, und spĂ€ter Dominique Briquel wiesen darauf hin, dass die (Pseudo-)Geschichte des frĂŒhen Rom groĂe Ăhnlichkeit mit Vorstellungen aufweist, die sich bei frĂŒhen indoeuropĂ€ischen Völkern und im MahÄbhÄrata finden. Das geht vermutlich auf die Verwendung alter mĂŒndlicher Quellen durch die römischen Historiker des 3. Jahrhunderts v. Chr. zurĂŒck. Auch zahlreiche andere Mytheme wie die irisch-walisische ErzĂ€hlung ĂŒber die Reisen des Brendan oder Bran in die Anderswelt, die japanischen Mythen ĂŒber die BrĂŒder Hoori und Hoderi (JĂ€ger und Fischer) oder das litauische MĂ€rchen von JĆ«ratÄ und Kastytis, aber auch das indonesische MĂ€rchen von Kawulusan (âParparaâ) weisen groĂe Ăhnlichkeiten auf, worauf der französische Anthropologe und Sprachforscher Paolo Barbaro von der Ăcole Pratique des Hautes Ătudes in Paris hinweist. Er postuliert die Existenz einer auf das jĂŒngere PalĂ€olithikum zurĂŒckgehenden Vorstellung eines ewigen und einsamen Jenseits im damals noch nicht befahrbaren Meer.
Yuri Berezkin nutzte faktorenanalytische Methoden, um 695 kosmologische und andere mythologische Motive (z. B.: die Ă€ltere Sonne vor der heutigen; die vielen Sonnen, die die Erde beinahe verbrennen; das Erlöschen der vielen Sonnen und Monde; die Sonne, die aus einem Baum wĂ€chst usw.)cite-ref-165[165] in 372 Regionen auf allen Kontinenten zu gruppierencite-ref-166[166] und ermittelt so verschiedene Hauptkomponenten, also relativ isolierbare Einzelkonzepte, die in vielen regionalen Mythen vorkommen. Die erste Hauptkomponente, die Vorstellungen zur Kosmogonie reprĂ€sentiert, ist vor allem in ganz Eurasien, besonders jedoch in den vom Schamanismus beeinflussten Regionen SĂŒdsibiriens und der Mongolei (was der Verbreitung des genetischen Haplotyps C3 entspricht), daneben in Nordamerika und Nordafrika stark ausgeprĂ€gt. In SĂŒdafrika und Australien ist sie nur schwach verbreitet und in Neuguinea und groĂen Teilen Amazoniens ĂŒberhaupt nicht vorhanden. Die lokale HĂ€ufung solcher Vorstellungen verweist auf eine Verbreitung von Motiven und Strukturen im Zuge der Erstbesiedlung des nördlichen Eurasiens durch anatomisch moderne Menschen (Homo sapiens), die weit ĂŒber den indoeuropĂ€ischen Sprachraum hinausgeht und frĂŒher erfolgte als jede schriftlich Ăberlieferung, aber jĂŒnger ist als die Mythen, die sich entlang der ersten Out-of-Afrika-Wanderungswelle am Rande des Indischen Ozeans bis nach Melanesien finden.cite-ref-167[167] Eine zweite Hauptkomponente bildet eine jĂŒngere Schicht von Trickster-Mythen. Sie wurde nach Berezdin durch Kulturkontakte verbreitet; nach Witzel sind sie jedoch Ă€lter und fast universell anzutreffen.
In die spĂ€tpalĂ€olithische Zeit nach der Out-of-Africa-Wanderung, in der sich das komplexe symbolische Denken entwickelt habe, das auch seinen kĂŒnstlerischen, vermutlich an schamanistische Rituale gebundenen Ausdruck fand und neue Techniken und Waffen wie den Bogen hervorbrachte, setzt Michael Witzel die Entstehung und Verbreitung des in Eurasien verbreiteten, von ihm so genannten âlaurasischenâ Mythensystems an, das bemerkenswert viele gemeinsame Komponenten aufweist.cite-ref-168[168]
Die Ă€ltesten Mythen seien in bemerkenswert konservativer Form ĂŒberliefert worden und hĂ€tten auch unter verĂ€nderten naturrĂ€umlichen und klimatischen Bedingungen (z. B. in Ackerbauergesellschaften) wesentliche Elemente beibehalten, auch wenn z. B. Wildtiere wie der BĂ€r durch domestizierte Tiere wie Hund oder Rentier ersetzt wurden. Die Existenz einer kompletten Story-line, wie sie Witzel in den âlaurasischenâ Mythen sieht, spricht nicht gegen, sondern erleichtert ihre Tradierung. Die Story-line könne immer weiter ausgesponnen werden. Selbst die schriftlose Kultur der Dayak besitze einen Mythenvorrat von etwa 15.000 Seiten. Mit dieser These der PfadabhĂ€ngigkeit vom Mythen weist Witzel die marxistische, aber in Ă€hnlicher Form auch von Ămile Durkheim vertretene Theorie zurĂŒck, dass jede Gesellschaft sich ihren Ăberbau und damit ihre Mythologie entsprechend ihren Produktionsbedingungen schaffe. Anpassungsprozesse an naturrĂ€umliche Bedingungen seien freilich hĂ€ufig, aber die Adaptionen behalten immer auch Motive der VorgĂ€ngerkulturen bei. Nur kleinere Abspaltungen von groĂen Gruppen seien besonders innovativ in der Weiterentwicklung von Mythen.cite-ref-169[169]
Im Einklang mit den Befunden Berezkins postuliert Witzel, dass bei vielen Völkern der Nordhalbkugel von Indoiranern, Semiten und Skythen bis zu den Japanern, Polynesiern, Azteken und Maya das von ihm nach dem alten GroĂkontinent Laurasia so genannte âlaurasischeâ System in Form einer konsistenten story line von der Kosmogonie bis zur finalen Zerstörung der Welt existiere. Hingegen gebe es ein solches System bei den meisten Völkern Afrikas sĂŒdlich der Sahara, den Aborigines Australiens und den Melanesiern nicht. Deren wesentlich Ă€ltere Mythen, die u. a. durch das Fehlen der Vorstellung von einem Weltenursprung und -ende gekennzeichnet seien, bezeichnet er nach dem lĂ€ngst untergegangenen GroĂkontinent Gondwana als âgondwanischâ.cite-ref-170[170] Noch Ă€lter sei möglicherweise eine nach dem Urkontinent PangĂ€a benannte Mythenschicht. Dieser Sprachgebrauch ist metaphorisch; PangĂ€a und Gondwana waren im PalĂ€olithikum lĂ€ngst verschwunden, aber die Metapher bezieht sich auf die Out-of-Africa-Theorie des anatomisch modernen Menschen, die Witzel als ursĂ€chlich fĂŒr die Mythenverbreitung annimmt. Diese ging ihm zufolge mit den Wanderungsbewegungen des Menschen wĂ€hrend des mittleren und jĂŒngeren PalĂ€olithikums, durch die auch die Verzweigung der Sprachfamilien erfolgte. Ăberformt worden seien diese Mythen durch neolithische Fruchtbarkeitskulte und durch Mythen, die im Zuge der frĂŒhen Staatsbildungen der Hochkulturen entstanden, sowie spĂ€ter durch Christentum, Judentum oder Buddhismus.
Der Ă€ltere gondwanische Mythenstrom habe sich ausgehend vom sĂŒdlichen Afrika ĂŒber SĂŒdasien und die Andamanen bis nach Papua, Australien und Tasmanien verbreitet; diesen Mythen fehlt die Kosmologie und die Vorstellung eines in die WeltlĂ€ufe eingreifenden und von Menschen adressierbaren höchsten Wesens. Die Verbreitung des jĂŒngeren laurasischen Mythensystems sei vermutlich von Afrika ĂŒber SĂŒdwestasien bis nach Europa und Amerika erfolgt und decke sich etwa mit dem Verbreitungsbereich der (von vielen Forschern angenommenen) nostratischen Sprachfamilie und mit der Verbreitung der Haplotypen. Insbesondere in der Sahelzone habe es jedoch einen Austausch zwischen dem laurasischen und dem gondwanischen System in beiden Richtungen gegeben.cite-ref-171[171] Gemeinsam sei beiden Systemen die Vorstellung eines obersten, aber meist unsichtbaren Wesens, das die Menschen bestrafen kann, einer Flutkatastrophe und von Trickster-Figuren.
Witzels Heuristik ist kein Diffusions- oder Kulturkontaktmodell, sondern stellt eine genetische Kladistik analog zum Stammbaum der Sprachen oder zur Verbreitung der Mutationen der DNA dar. Die Mythen des alten Orients und Griechenlands sind in diesem Modell relativ junge regionale Entwicklungsformen, wobei die ursprĂŒnglich aus dem indoeuropĂ€ischen Mythenkomplex stammenden griechischen Mythen spĂ€testens zur Zeit Homers in Ionien und zur Zeit Hesiods in Attika Elemente semitischer Mythen aufgenommen haben.cite-ref-172[172] Diese Mythen sind bereits an die LegitimationsbedĂŒrfnisse einer Aristokratie angepasst und spiegeln die RealitĂ€ten einer sesshaften, Landwirtschaft betreibenden Gesellschaft, die es so zur Zeit des Ursprungs der Mythen nicht gegeben hat.
Historische Ăberschichtung von Mythen
Die Mehrheit der heutigen Wissenschaftler verneint weitrĂ€umige Diffusionsprozesse von Mythen und favorisiert psychologische ErklĂ€rungsmodelle ihrer Ăhnlichkeit aufgrund universell-menschlicher Erfahrungen oder kognitiver Strukturen in der Tradition Adolf Bastians und Carl Gustav Jungs. Diese AnsĂ€tze kritisiert Witzel mit dem Argument, sie wĂŒrden in âomnikomparatistischerâ Manier âanything in myth, anywhere and anytimeâ mit âanything elseâ vergleichen und dabei die historische Ăberschichtung von Mythen vernachlĂ€ssigen. So mĂŒsse man z. B. aus den Ă€ltesten Mythen die neolithischen HinzufĂŒgungen ĂŒber den Ursprung von Agrikulturprodukten wie Reis und Mais oder ĂŒber domestizierte Tiere eliminieren, um ihren Urzustand zu rekonstruieren. Anzeichen fĂŒr solche spĂ€teren Ăberlagerungen seien âMutationenâ des Mythos, also Innovationen, die sich nur in dessen jĂŒngeren Versionen finden.cite-ref-173[173] Solche Innovationen stellen nicht nur die Fruchtbarkeitsmythen der neolithischen Bauernkulturen dar, sondern auch die Mythen der göttlichen Abstammung der Herrscherdynastien der frĂŒhen vorderasiatischen Hochkulturen, der Himmelsaufstieg der Herrscher oder die jĂŒdischen, christlichen, hinduistischen und buddhistischen Mythen.cite-ref-174[174] So wurden im alten Ăgypten die Mythen bei jedem Wechsel der religiösen Zentren quasi umgeschrieben. Chinesische Gottheiten wurden von spĂ€teren Dynastien historisiert, so dass aus dem Gott der Unterwelt der âGelbe Kaiserâ Huangdi wurde. Der auf den Andamanen archĂ€ologisch um 3000 v. Chr. bezeugte Ur-Eber, der durch das WĂŒhlen im Schlamm die Erde hervorbrachte, wurde im Hinduismus zur dritten Inkarnation Vishnus, dem Rieseneber Varaha,cite-ref-175[175] und aus dem Zwillingspaar Manu, dem Priester, und Yama, dem Todesgott, wurden in der römischen Legende Romulus und Remus. Zu Ăberlagerungen kam es etwa bei Ăbernahme fremder Schriftsysteme (so in Japan durch Ăbernahme der chinesischen Schriftzeichen).cite-ref-176[176]
Ein Beispiel fĂŒr die historische Ăberschichtung mĂŒndlich ĂŒberlieferter Mythen sind die der Irokesen, die zu verschiedenen Zeiten von europĂ€ischen Beobachtern aufgezeichnet wurden. Im irokesischen Schöpfungs- und Kulturschaffungsmythos spielen die beiden Enkel der Erdmutter, der HimmelstrĂ€ger Teharonhiawagon (âder den Mais bringtâ) und der erfolgreiche JĂ€ger Tawiskaron (âFeuersteinâ) eine wichtige Rolle. Der Sieg des Bodenbaus nach 1400 förderte das Bevölkerungswachstum und damit das Konfliktpotenzial unter den irokesischen StĂ€mmen. Der Mythos berichtet, dass der HimmelstrĂ€ger ihnen zwar verschiedene Pflanzen zum Anbau ĂŒberlieĂ, um durch den Zwang zum Austausch den Frieden unter ihnen zu sichern. Sein Gegenspieler brachte aber Hass und Neid in die Welt und wird in den frĂŒhen Versionen des Mythos von seinem ackerbauenden Bruder getötet (siehe auch die Geschichte von Kain und Abel). In den seit dem 17. Jahrhundert ĂŒberlieferten Versionen ergreift die Erdmutter jedoch Partei fĂŒr Feuerstein. Das hĂ€ngt mit der VerdrĂ€ngung einiger StĂ€mme aus ihren Siedlungsgebieten und ihrem Ăbergang zur Pelzjagd zusammen. Seit dem 18. Jahrhundert finden sich im Mythos sogar ErklĂ€rungen fĂŒr den Ursprung weiĂer und schwarzer Amerikaner. Selbst die Schöpfungsgeschichte wird also den historischen VerĂ€nderungen flexibel angepasst, was bei schriftlich fixierten Mythen schwieriger ist. Die Bruderkriege werden schlieĂlich durch die missionarische Ăberzeugungsarbeit des Handsome Lake, einer Inkarnation des HimmelstrĂ€gers, beendet, wodurch die historische RealitĂ€t der Neuzeit lĂŒckenlos an den Mythos anschlieĂt.cite-ref-177[177]
In der Neuzeit ĂŒberlagern auch Vorstellungen neureligiöser Heilsbewegungen wie z. B. die Cargo-Kulte die alten Mythen. Hinzu kommen Verzerrungen etwa durch Missionare, die die Mythen schriftloser Völker aufzeichneten und ihren eigenen Vorstellungen entsprechend glĂ€tteten, wie dies die Spanier mit den Mythen der Inka und Azteken taten.cite-ref-178[178] Die Vorstellung von Trollen, die mit riesenhafter Gewalt ausgestattet waren, wurde durch die Christianisierung und vor allem die Reformation in Skandinavien ĂŒberlagert; seit etwa 1600 stellt man sich die Trolle im Volksglauben meist in verzwergter Form vor.
Zeitgenössische Mythen
Es gibt keine historische Notwendigkeit, dass Mythen dauerhaft durch eine rationale Weltsicht verdrĂ€ngt werden. Eine solche Annahme prĂ€gte zwar die zweite HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts, erfuhr jedoch im 20. Jahrhundert keine BestĂ€tigung. Neueren Datums sind politische Mythen, die politische Systeme oder scheinbar zwangslĂ€ufige gesellschaftliche Entwicklungen legitimieren (z. B. der US-amerikanische Mythos vom Melting pot, der nicht die verschiedenen nationalen Traditionen der Zuwanderer, sondern die gemeinsame Zukunft in den Fokus stellt) oder Menschen fĂŒr Ziele autoritĂ€rer oder totalitĂ€rer Regime mobilisieren sollen (z. B. der Mythos von Langemarck oder Alfred Rosenbergs Buch âDer Mythus des 20. Jahrhundertsâ, das beansprucht, Mythen des katholischen und protestantischen Christentums zu entzaubern, aber einen neuen Rassemythos propagiert).
Heutige Mythen, die im Sinne von Roland Barthes Natur und Geschichte verwechseln oder AlltĂ€gliches vergöttern, sind in der Regel nicht mehr religiös legitimiert. Sie beruhen auf nicht (mehr) verifizierbaren kollektiven Erinnerungen: auf einem Cocktail aus ErzĂ€hlungen von Bekannten, Darstellungen im Film und in anderen Medien, Ăberlieferungen und/oder kollektiven Erlebnissen, an die man sich verklĂ€rend erinnert. In Form von kollektiven IrrtĂŒmern können Mythen sozialen Zusammenhalt erzeugen und Herrschaft sichern, aber auch Subkulturen und Untergrundbewegungen legitimieren.
So hat sich die dominante Rolle des Mythos in der Sinngebung des Alltags nicht völlig verflĂŒchtigt, sondern ausdifferenziert in ein Syndrom von Sinnbildungsverfahren wie die wirkmĂ€chtigen ErzĂ€hl- und Bildformen der PopulĂ€rkultur, die Metaphern der Ăkonomie und Politik, neue zeremonielle und rituelle Praktiken des Alltags und eine neue Semiotik der sozialen Interaktion, in der mit vielem, was rational endgĂŒltig nicht zu klĂ€ren ist, pragmatisch umgegangen wird.cite-ref-179[179]
Im allgemeinsten Sinn kann ein moderner Mythos nach dieser Vorstellung ein Begriff oder Konzept (z. B. âJugendâ), ein ErklĂ€rungsmuster, ein Produkt mit groĂer öffentlicher Ausstrahlung, ein Ereignis, eine soziale Bewegung, eine legendenumwobene Personcite-ref-180[180] oder eine Kunstfigur der Popkultur wie James Bond sein.cite-ref-181[181] Entsprechende Personen werden auch als Stars bezeichnet, entsprechende GegenstĂ€nde als Kultobjekte, entsprechende herausragende, im GedĂ€chtnis verankerte Bilder als Medienikonen, entsprechende Ereignisse auch als âEreignisse von Kultstatusâ.
Die Stars, die im Film ĂŒbermenschliche Eigenschaften zeigen, bekommt man nie persönlich, sondern nur in abgeschlossenen (Kino-)âTempelnâ zu Gesicht. Darin gleichen sie trotz oder gerade wegen ihrer Fehler den Göttern, aber auch ihre Fallhöhe bei Skandalen ist gewaltig. Diese Vorstellung ist vor allem im angelsĂ€chsischen Raum zu beobachten, wenn dort etwa vom Mythos Marilyn Monroe die Rede ist. Ein erzĂ€hlerischer âMythosâ ist dagegen das Aufstiegsszenario vom TellerwĂ€scher zum MillionĂ€r.
Eng verwandt mit Mythen sind moderne Sagen (Urban Legends), Hoax sowie auch Verschwörungstheorien. Sie werden meist zu einem bestimmten politischen, psychischen oder sozialen Zweck konzipiert und tradiert. WĂ€hrend Legenden ursprĂŒnglich den (im Lauf der ErzĂ€hltradition modifizierten) Lebenslauf eines/einer Heiligen zum Kern haben, ist eine Sage âeine volkslĂ€ufige, zunĂ€chst auf mĂŒndlicher Ăberlieferung beruhende kurze ErzĂ€hlung objektiv unwahrer, oft ins Ăbersinnlich-Wunderbare greifender, phantastischer Ereignisse, die jedoch als Wahrheitsbericht gemeint sind und den Glauben der Zuhörer ernsthaft voraussetzenâ. (Gero von Wilpert)
Missbrauch und Kritik
Im Zeitalter der Renaissance und des Barock wurden zahlreiche antike Mythen wiederentdeckt; ihre Aufwertung und Integration in die Feste der höfischen Kultur ist ein Merkmal des heraufziehenden Absolutismus, der seine (oft sogar fiktiven genealogischen) Wurzeln und seine Legitimation im klassischen heroischen Zeitalter suchte.
Die Oper nahm sich seit ihrer Entstehung um 1600 vorzugsweise antike mythische (aber auch historische) Stoffe zur Grundlage; ihr gelang es, die emotionale IntensitĂ€t der Rezitation der Mythen erheblich zu steigern. Allein etwa 70 Opern aus der Zeit von 1600 bis 2005 behandeln den Orpheus-Mythos. Orpheus und andere waren beliebte Identifikationsfiguren, die je nach BedĂŒrfnis der Auftraggeber dĂŒstere, freundliche oder dramatische Effekte auf der BĂŒhne hervorbringen konnten. Seit dem spĂ€ten 18. Jahrhundert und dem Heraufkommen des BĂŒrgertums, das nach neuen Identifikationsfiguren suchte, verblasste der Nachruhm der antiken Heroen. Richard Wagners Opernzyklus Der Ring des Nibelungen (1851â1874) war ein Versuch, den âMythosâ zu modernisieren, was von Nietzsche zunĂ€chst enthusiastisch begrĂŒĂt, dann schroff abgelehnt wurde. Die Neukonstruktion autoritĂ€rer und nationalistischer Mythen durch die nationalromantischen Bewegungen vieler Nationen in Form von Nationalepen seit dem 19. Jahrhundert zog zahlreiche Möglichkeiten des Missbrauchs nach sich.
Die Vorliebe fĂŒr germanische Mythologie, die sich am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte, gipfelte im Nationalsozialismus. Der Ideologe Alfred Rosenberg schrieb 1930 Der Mythus des 20. Jahrhunderts, ein Werk, mit dem er sich gegen das Christentum richtete und das weite Verbreitung fand. Die Blut-und-Boden-Ideologie, nach Michel Foucault,
â[âŠ] verband sich mit einem trĂ€umerischen SchwĂ€rmen von einem höheren Blut, das sowohl den systematischen Völkermord an anderen wie auch die Bereitschaft zur totalen Selbstaufopferung einschloss. Und die Geschichte hat es gewollt, daĂ die hitlerische Sexualpolitik eine lĂ€cherliche Episode geblieben ist, wĂ€hrend sich der Mythos vom Blut in das gröĂte Massaker verwandelte, dessen sich die Menschen bis heute erinnern könnenâ
â
Michel Foucault
:
Der Wille zum Wissen
Kritisch sieht Eric Voegelin aus der Perspektive des Emigranten die âpolitischen Religionenâ und âpolitischen Mythenâ, mit denen er sich in seinem monumentalen Werk Order and History (5 Bde.) auseinandersetzt. Er untersucht den Zusammenhang zwischen Mythos und politischen Ordnungssystemen von den klassischen Mythen (Mesopotamien, Ăgypten, Griechenland) ĂŒber das Judentum und Christentum bis hin zu den modernen politischen Mythen des Totalitarismus auseinander.
Auch in modernen Demokratien erleben politische Mythen in Krisenzeiten und Umbruchphasen sowie bei IdentitĂ€ts- und Legitimationsdefiziten immer wieder eine Konjunktur. So erfuhr der amerikanische Frontier-Mythos unter der Regierung von George W. Bush in den USA eine Renaissance.cite-ref-183[183] Frederick Jackson Turner veröffentlichte 1893 seine Frontier-These, in der er den Erfolg des Modells der Vereinigten Staaten mit den Erfahrungen aus der Eroberung des Westens verknĂŒpfte. Dieser These zufolge formte sich die amerikanische IdentitĂ€t an der Grenze zwischen den zivilisierten Siedlungen der EuropĂ€er und der âWildnisâ. Die TrĂ€ger dieser amerikanischen IdentitĂ€t haben Jackson zufolge das Selbstbewusstsein aus der ZĂ€hmung der âWildenâ vereint mit deren StĂ€rke.
Auch die Entmythologisierung durch AufklĂ€rung kann scheitern, wenn die AufklĂ€rung selbst zum Mythos wird. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno behandelten in ihrer Dialektik der AufklĂ€rung (1944) das âScheitern der AufklĂ€rungâ im Nationalsozialismus. âMythen wie magische Riten meinen nach ihrer Meinung die sich wiederholende Natur. Sie ist der Kern des Symbolischen; ein Sein oder ein Vorgang, der als ewig vorgestellt wird, weil er im Vollzug des Symbols stets wieder Ereignis werden soll.âcite-ref-184[184] Mit dem Versuch, die Natur zu beherrschen, wird ihrer Auffassung nach der einst mythische Zugang zur Welt seit der AufklĂ€rung rational gemacht. Als âHerrschaftâ aber schlage AufklĂ€rung selbst in Mythos zurĂŒck, in den âPositivismusâ einer Affirmation des Bestehenden.
Seit diesem âScheiternâ stehen die Mythen der Moderne wie Fortschritt und Nationalismus verstĂ€rkt in der Kritik. Ernst Cassirer, Georges Sorel oder Elias Canetti brachten kritische Begriffe wie âMythos des Staatesâ, Geschichtsmythos, politischer Mythos ins GesprĂ€ch.
Christliche Vorbehalte gegenĂŒber dem neuzeitlichen Mythosbegriff hat der Literaturwissenschaftler RenĂ© Girard mit seiner These erneuert, dass der Mythos dazu diene, die Gewalt von Opferritualen zu verschleiern (La Violence et le sacrĂ©, 1972). Die Wurzel des Opfers sei die Jagd, eine ursprĂŒngliche Ausdrucksform der Aggression.
Eine Neufassung hat die Mythenkritik im 20. Jahrhundert durch Roland Barthes erfahren. Anlass fĂŒr seine Untersuchungen war
â[âŠ] Meistens ein GefĂŒhl der Ungeduld angesichts der âNatĂŒrlichkeitâ, die der Wirklichkeit von der Presse oder der Kunst unaufhörlich verliehen wurde, einer Wirklichkeit, die, wenn sie auch die von uns gelebte ist, doch nicht minder geschichtlich ist. Ich litt also darunter, sehen zu mĂŒssen, wie âNaturâ und âGeschichteâ stĂ€ndig miteinander verwechselt werden.â
â
Roland Barthes
:
Mythen des Alltags
Nach Barthes ist es eine wesentliche Funktion des Mythos â wie beispielsweise die conditio humana des klassischen Humanismus â, an Stelle der Geschichte der Dinge, eine sich vorgestellte âNaturâ zu stellen. Derart âwird der Mythos durch den Verlust der historischen Eigenschaft der Dinge bestimmt. Die Dinge verlieren in ihm die Erinnerung an ihre Herstellung.âcite-ref-186[186] Dahinter verberge sich ein âideologischer Missbrauchâ,cite-ref-187[187] dem er in seinen Mythen des Alltags nachging.
Die moderne Werbewirtschaft macht sich aus kommerziellen GrĂŒnden die Mythologisierung von Produkten zunutze, so beispielsweise in den neuen Mythen von der âewigen Jugendâ oder dem âGenuss ohne Reueâ.cite-ref-degruyter-com-8-2[8] Damit wird ein Effekt verstĂ€rkt, der unter Kritikern als elementarer Bestandteil des Kapitalismus gesehen wird: das PhĂ€nomen des Warenfetischismus.
Siehe auch
:
Politischer Mythos
Zitate
ââMythenâ â man erschrecke nicht vor diesem Worte â sind Göttergeschichten, im Unterschiede von den Sagen, deren handelnde Personen Menschen sind.â
â
Hermann Gunkel
âNur solches Denken ist hart genug, die Mythen zu zerbrechen, das sich selbst Gewalt antut.â
â
Max Horkheimer
/
Theodor W. Adorno
, 1944
âMythos ist immer als das Ergebnis einer unbewussten TĂ€tigkeit und als ein freies Produkt der Einbildungskraft bezeichnet worden.â
â
Ernst Cassirer
, 1946
âJeder Mythos erzĂ€hlt, wie eine RealitĂ€t entstand, sei es nun die totale RealitĂ€t, der Kosmos oder nur ein Teil davon: Eine Insel, eine Pflanzenart, eine menschliche Einrichtung.â
â
Mircea Eliade
, 1957
âDer Mythos verbirgt nichts und stellt nichts zur Schau. Er deformiert. Der Mythos ist weder eine LĂŒge noch ein GestĂ€ndnis. Er ist eine Abwandlung.â
â
Roland Barthes
, 1957
âMythen sind Geschichten von hochgradiger BestĂ€ndigkeit ihres narrativen Kerns und ebenso ausgeprĂ€gter marginaler VariationsfĂ€higkeit.â
â
Hans Blumenberg
, 1979
Siehe auch
âą Moderne Sage (urbane Legende)
âą Wildes Denken (im Unterschied und in Korrelation zum wissenschaftlichen Denken)
Literatur
Allgemein
âą Walter Burkert, Axel Horstmann: Mythos, Mythologie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6, Basel 1984, S. 280â318.
Antike
âą Udo Reinhardt: Hundert Jahre Forschungen zum antiken Mythos (1918/20â2018/20). Ein selektiver Ăberblick (Altertum â Rezeption â Narratologie) (= Mythological Studies. Band 5). De Gruyter, Berlin/Boston 2022, ISBN 978-3-11-078634-7.
Symbolkundliche Forschungen
âą Georg Friedrich Creuzer: Symbolik und Mythologie der alten Völker. 1837â1858. DNB
âą Heinrich Zimmer: Indische Mythen und Symbole. SchlĂŒssel zur Formenwelt des Göttlichen. Aus dem Englischen von E. W. Eschmann. 5. Auflage. MĂŒnchen 1993, ISBN 3-424-00693-9.
Anthropologische AnsÀtze
âą RenĂ© Girard: Le Bouc Ă©missaire. 1982. Deutsche Ausgabe: Der SĂŒndenbock. Benziger, ZĂŒrich 1988
Sozialpsychologische AnsÀtze
âą Joseph Campbell: Die Masken Gottes. Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Möhring. MĂŒnchen 1996, ISBN 3-423-59034-3.
âą Norbert Bischof: Das Kraftfeld der Mythen. Signale aus der Zeit, in der wir die Welt erschaffen haben. Piper, MĂŒnchen / ZĂŒrich 1998, ISBN 3-492-22655-8.
âą Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten. Aus dem Amerikan. von Karl Koehne. Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-458-34256-7.
⹠Monika Tworuschka, Udo Tworuschka: Als die Welt entstand ⊠Schöpfungsmythen der Völker und Kulturen in Wort und Bild. Freiburg im Breisgau 2005, ISBN 3-451-28597-5.
Linguistische AnsÀtze
⹠Roland Barthes: Mythen des Alltags. Aus dem Französischen von Helmut Scheffel. Frankfurt am Main 1964, DNB 450240096; Neuauflage 2003, ISBN 3-518-12425-0.
âą Karl-Heinz Bohrer (Hrsg.): Mythos und Moderne. Begriff u. Bild e. Rekonstruktion. Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-11144-2.
Literaturwissenschaftliche AnsÀtze
âą Almut-Barbara Renger: Zwischen MĂ€rchen und Mythos: die Abenteuer des Odysseus und andere Geschichten von Homer bis Walter Benjamin. Eine gattungstheoretische Studie. Metzler, Stuttgart u. a. 2006, ISBN 3-476-01986-1.
âą Dieter Borchmeyer: Mythos. In: Dieter Borchmeyer, V. Zmegac (Hrsg.): Moderne Literatur in Grundbegriffen. TĂŒbingen 1994, ISBN 3-484-10652-2, S. 292â308.
⹠John B. Vickery: Myth and Literature: Contemporary Theory and Practice. Bison Book, University of Nebraska Press, 1966. Mit BeitrÀgen von David Bidney, Géza Róheim, Joseph Campbell, Clyde Kluckhohn, Stanley Hyman, Philip Wheelwright, Richard Chase, Harold Watts, Northrop Frye, Andrew Lytle, Philip Rahv, Francis Fergusson, Marvin Magalaner, John Lydenberg und Harry Slochower.
Politikwissenschaftliche AnsÀtze
âą William Hardy McNeill: Mythistory, or Truth, Myth, History, and Historians. In: The American Historical Review. 91, 1986, S. 1â10 (ebenfalls in: ders.: Mythistory and other essays. University of Chicago Press, Chicago 1986, ISBN 0-226-56135-6).
âą Michael Ley: Mythos und Moderne. Ăber das VerhĂ€ltnis von Nationalismus und politischen Religionen. Wien / Köln / Weimar 2005, ISBN 3-205-77312-8.
Geschichtswissenschaftliche AnsÀtze
âą Felix Hinz: Historische Mythen im Geschichtsunterricht. Theorie und Zugriffe fĂŒr die Praxis (Methoden historischen Lernens). Frankfurt am Main 2023, ISBN 978-3-7344-1505-0.
Ethnologische AnsÀtze
⹠Claude Lévi-Strauss, Jean-Pierre Vernant u. a.: Mythos ohne Illusion. Aus dem Französischen von Ulrike Bokelmann. Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-11220-1.
âą Claude LĂ©vi-Strauss: Mythos und Bedeutung. FĂŒnf RadiovortrĂ€ge. Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-11027-6.
âą Elke Mader: Anthropologie der Mythen. Facultas-WUV, Wien 2008, ISBN 978-3-7089-0019-3.
âą Thomas Bargatzky: Mythos, Weg und Welthaus. Erfahrungsreligion als Kultus und Alltag. LIT, Berlin/MĂŒnster 2007, ISBN 978-3-8258-7906-8.
Religionswissenschaftliche AnsÀtze
⹠Hermann Gunkel: Genesis. 9. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-51651-7 (Neudr. d. 3. Auflage. 1910).
âą Rudolf Karl Bultmann: Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen VerkĂŒndigung (1941). In: H.-W. Bartsch (Hrsg.): Kerygma und Mythos. Ein theologisches GesprĂ€ch. Band 1, 4. Auflage. Reich, Hamburg 1960, DNB 457196343, S. 15â48.
âą Bruce Lincoln: Myth, Cosmos, and Society: Indo-European Themes of Creation and Destruction. Harvard Univ. Press, Cambridge 1986, ISBN 0-674-59775-3.
⹠Karl Kerényi: Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos. Darmstadt 1989, ISBN 3-534-00884-7.
âą Jan Assmann: Revolution und Mythos. Hrsg. von Dietrich Hardt. Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-596-10964-7.
âą Mircea Eliade: Die Religionen und das Heilige. Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-458-33887-X.
âą Walter Burkert: Antike Mythen in der europĂ€ischen Tradition. TĂŒbingen 1999, ISBN 3-89308-298-0.
âą Jan Assmann: Thomas Mann und Ăgypten. Mythos und Monotheismus in den Josephsromanen. MĂŒnchen 2006, ISBN 3-406-54977-2.
âą Annette Zgoll, Reinhard Gregor Kratz (Hrsg.): Arbeit am Mythos. TĂŒbingen 2013, ISBN 978-3-16-151800-3.
âą Hubert Irsigler: Mythos (AT). In: Michaela Bauks, Michael Pietsch, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart Januar 2013
âą Alexander Rauch: Mythos im Judentum (= Kleines Mythologisches Alphabet). Leipzig 2021, ISBN 978-3-95817-053-7.
âą Udo Schnelle: Der Sinn des Mythos in Theologie und Hermeneutik. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2023, ISBN 978-3-374-07392-4.
Stoffwissenschaftlicher Ansatz
âą Christian Zgoll: Tractatus mythologicus. Theorie und Methodik zur Erforschung von Mythen als Grundlegung einer allgemeinen, transmedialen und komparatistischen Stoffwissenschaft (= Mythological Studies. Band 1). De Gruyter, Berlin/Boston 2019, ISBN 978-3-11-054119-9 (Druckfassung) / ISBN 978-3-11-054158-8 (E-Book) (Open Access bei De Gruyter).
âą Annette Zgoll, BĂ©nĂ©dicte Cuperly, Annika Cöster-Gilbert: In Search Of Dumuzi An Introduction to Hylistic Narratology. In : Sophus Helle, Gina Konstantopoulos (Hrsg.): The Shape of Stories: Narrative Structures in Cuneiform Literature. Cuneiform Monographs 54. Brill, Leiden 2023, S. 285â350.
⹠Annette Zgoll, Christian Zgoll (Hrsg.): Mythische SphÀrenwechsel. Methodisch neue ZugÀnge zu antiken Mythen in Orient und Okzident (= Mythological Studies. Band 2). De Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-065252-9 (Druckausgabe) / ISBN 978-3-11-065254-3 (E-Book) (Open Access bei De Gruyter).
âą Gösta Ingvar Gabriel, Brit KĂ€rger, Annette Zgoll, Christian Zgoll (Hrsg.): Was vom Himmel kommt. Stoffanalytische ZugĂ€nge zu antiken Mythen aus Mesopotamien, Ăgypten, Griechenland und Rom (= Mythological Studies. Band 4). De Gruyter, Berlin/Boston 2021, ISBN 978-3-11-074287-9 (Druckfassung) / ISBN 978-3-11-074300-5 (E-Book) (Open Access bei De Gruyter).
Philosophische AnsÀtze
âą Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil. Das Mythische Denken. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1973, ISBN 3-534-05938-7.
⹠Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der AufklÀrung. Philosophische Fragmente. Amsterdam 1947, DNB 452103479 (Neuauflage: 2003, ISBN 3-596-50669-7).
âą Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos. Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-07515-2 (Neuauflage: 2006, ISBN 3-518-29405-9).
âą Hans Poser (Hrsg.): Philosophie und Mythos. Berlin / New York 1979, ISBN 3-11-007601-2.
âą Kurt HĂŒbner: Die Wahrheit des Mythos. MĂŒnchen 1985, ISBN 3-406-30773-6.
âą Kurt HĂŒbner: Mythos (philosophisch). In: Theologische RealenzyklopĂ€die. Berlin / New York, ISBN 3-11-002218-4.
âą Ernst Mally: Erlebnis und Wirklichkeit. Einleitung zur Philosophie der NatĂŒrlichen Weltauffassung. Julius Klinkhardt, Leipzig 1935.
âą William Hardy McNeill: Mythistory, or Truth, Myth, History, and Historians. In: The American Historical Review. 91, 1986, S. 1â10 (ebenfalls in: ders.: Mythistory and other essays. University of Chicago Press, Chicago 1986, ISBN 0-226-56135-6).
âą Christoph Jamme: Gott an hat ein Gewand. Grenzen und Perspektiven philosophischer Mythos-Theorien der Gegenwart. Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-518-29033-9.
âą Markus Höfner: Sinn, Symbol, Religion. Theorie des Zeichens und PhĂ€nomenologie der Religion bei Ernst Cassirer und Martin Heidegger. TĂŒbingen 2008, ISBN 978-3-16-149754-4.
âą Tobias Weilandt: Das VerhĂ€ltnis von Sprache und Mythos als symbolische Formen. Die Frage nach dem Fundament der Kultur. MĂŒnchen 2009, ISBN 978-3-89975-955-6.
Bibliografien
⹠Thomas Blisniewski: Auswahlbibliographie zur antiken Mythologie und ihrem Fortleben. Köln 1993.
Sammelband mit AuszĂŒgen
âą Wilfried Barner (Hrsg.): Texte zur modernen Mythentheorie. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-017642-5 (Inhaltsverzeichnis bei DNB und im Online-Buchhandel. 18 neuzeitliche Texte).
Weblinks
Wikiquote: Mythos
â Zitate
Wiktionary: Mythos
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą Literatur von und ĂŒber Mythos im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
âą Hubert Irsigler: Mythos (AT). In: Michaela Bauks, Michael Pietsch, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart Januar 2013
âą Matthias Waechter: Mythos. Version: 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte. 11. Februar 2010
âą Joseph Campbell: Mythologie, Symbole, Kunst und Mystik.
âą Namen und Stichworte der Mythologie (private Seite)
âą Mythen als SchlĂŒssel zur Gesellschaft. (Memento vom 27. Oktober 2012 im Internet Archive) Interview mit Guido Sprenger von der WWU MĂŒnster
Einzelnachweise
cite-note-11. â Karen Armstrong: Eine kurze Geschichte des Mythos. MĂŒnchen 2007, ISBN 978-3-423-13610-5, S. 7â16; Carl-Friedrich Geyer: Mythos. Formen, Beispiele, Deutungen. MĂŒnchen 1996, S. 7â10.
cite-note-22. â Lexikon fĂŒr Theologie und Kirche. Band 7, Freiburg 1962, S. 146.
cite-note-33. â Z. B.: Mythos Rhein. (Memento vom 18. Mai 2013 im Internet Archive) abgerufen am 12. November 2011.
cite-note-44. â Karen Armstrong: Eine kurze Geschichte des Mythos. MĂŒnchen 2007, S. 12.
cite-note-55. â Johannes Engels: Mythos. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik Online. Band 6, Niemeyer Verlag, TĂŒbingen 2003, Spalten 80â98 (online ĂŒber Verlag Walter de Gruyter: degruyter.com, kostenpflichtiger Zugang).
cite-note-66. â Karl KerĂ©nyi: Was ist Mythologie? In: Karl KerĂ©nyi (Hrsg.): Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos. 5. Auflage. Darmstadt 1996, S. 216.
cite-note-77. â Hans Ulrich Gumbrecht: PrĂ€senz-Spuren. Ăber GebĂ€rden der Mythographie und die Zeitresistenz des Mythos. In: Udo Friedrich, Bruno Quast (Hrsg.): PrĂ€senz des Mythos. Konfigurationen einer Denkform in Mittelalter und FrĂŒher Neuzeit. De Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-090575-2, S. 1â16.
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cite-note-140140. â Ulrich Bauer: J.R.R. Tolkiens "The Lord of the Rings" - Die Umsetzung phantastischer Literatur im Fantasy-Rollenspiel. Siegen 31. Mai 2000 (Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten StaatsprĂŒfung fĂŒr das Lehramt fĂŒr die Sekundarstufe II mit ZusatzprĂŒfung fĂŒr die Sekundarstufe I/UniversitĂ€t-GH Siegen, Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften / ErwĂ€hnt ebenso Lovecrafts Cthulhu-Mythos.).
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